Bad Zwischenahn /Oldenburg „Mein Name ist Timo Beckmann und ich bin gerade in Bad Zwischenahn zusammengeschlagen worden“, sagt der Mann am Telefon. Doch das sei nur ein Teil der großen Geschichte.

Kurze Zeit später steht der Mann im Reportage-Büro der Nordwest-Zeitung in Oldenburg: blaue Jeans, roter Pulli, das rechte Auge schimmert in ähnlichen Farben. Ein ganz schönes Veilchen. Er sei aus den USA angereist, um sein Erbe anzutreten, sagt der kleine Mann, der aufgeregt wirkt.

Dann erzählt Timo Beckmann eine unglaubliche Geschichte, in der viele Länder und Nationalitäten vorkommen, die aber vorwiegend im beschaulichen Bad Zwischenahn spielt. Es geht um Diebstahl und Betrug, um Lüge und Verrat. Es gibt viele Beschuldigungen und noch mehr Behauptungen. Vieles ist nicht bewiesen.

Es geht um einen älteren, offenbar vermögenden Herren, der angeblich von zwielichtigen Gestalten um sein Hab und Gut gebracht wurde: Ersparnisse von mehr als einer halben Million Euro, Schmuck im Wert von bis zu 80.000 Euro. Geschätzt, sagt Timo Beckmann. Es geht um seinen Vater Horst.

Timo Beckmann, Lehrer aus Eatonville im Bundesstaat Washington, sitzt auf der Couch im Einfamilienhaus des Vaters in Bad Zwischenahn. 104 Quadratmeter, gute Lage. Wert: rund 250.000 Euro. Zwei Tage sind seit dem schmerzhaften Zusammenprall mit dem Bad Zwischenahner Geschäftsmann T. vergangen. Das geschwollene Auge erinnert an einen Boxer.

Timo Beckmann kramt eine Tüte mit Medikamenten hervor. Von seinem verstorbenen Vater. „Die waren im ganzen Haus verteilt“, sagt er vorwurfsvoll. Für was die sind? Keine Ahnung. Wer kann schon kyrillische Buchstaben lesen. Aber er weiß, wer sie angeschleppt hat: M., die ukrainische Pflegerin des Vaters. Eigentlich die Ehefrau. Besser Witwe. Also, falls die Hochzeit gültig war. Aber dazu später.

Timo Beckmann schimpft wieder über den Geschäftsmann: „Der behauptet, ich habe mich selbst am Geländer verletzt.“

Hört sich die Geschichte kompliziert an? Sie ist kompliziert. Vielleicht sollte man weiter vorne beginnen. Mit dem Leben des Vaters, so wie der Sohn es erzählt.

Horst Otto August Beckmann, Jahrgang 1935, in Celle geboren, war Vermessungsingenieur bei der Mannesmann AG, vorwiegend im Auslandsdienst. Schweiz, Schottland, Saudi-Arabien, Pakistan, Türkei; die gerahmten Fotos im Arbeitszimmer sind wie eine Weltreise.

Horst Beckmann heiratet, zieht nach Isernhagen. Zwei Kinder werden geboren: Timo und seine Schwester. Die Familie erwirtschaftet durch Geldanlagen eine kleines Vermögen. Horst Beckmanns Frau stirbt 1993. Im Testament haben die Eltern Sohn Timo zum Alleinerben bestimmt. Die Schwester soll nur ihren Pflichtteil erhalten, wegen „Entfremdung“, wie es in der Urkunde heißt.

Horst Beckmann lebt zwischendurch einige Jahre mit einer holländischen Freundin in Spanien, besitzt unter anderem ein Haus auf Mallorca, das er später verkauft. 2007, längst im Rentenalter, zieht er nach Bad Zwischenahn.

Jetzt kommen Leute ins Spiel, die den wohlhabenden Rentner angeblich ausnehmen wollen, die Erbschleicher. Davon ist Timo Beckmann überzeugt. Und er ist nicht der einzige.

Beleidigung und Gewalt

Der Geschäftsmann T. etwa, der Horst Beckmann bei diesem und jenem hilft, bald im Haus ein- und ausgeht – und für seine Dienste angeblich abkassiert. „Auf einmal hatte der Geld“, erzählt ein Bekannter von Horst Beckmann. Für seine Geschäfte. „Wir haben von Anfang an gewusst, dass Horst das finanziert.“ So sollen auch größere Summen ins Heimatland von T. geflossen sein. Behauptet der Bekannte.

Laut Timo Beckmann hat sein Vater dem Geschäftsmann ein Darlehen gewährt: über 200 000 Euro. Dafür gebe es einen Belegschein. Den er aber nicht mehr findet.

Der Geschäftsmann T. schüttelt ungläubig den Kopf, als er von den Vorwürfen hört, schaut aus dem Fenster ins herbstliche Bad Zwischenahn. Nein, so war das alles nicht.

„Ich war seit zehn Jahren mit Horst Beckmann befreundet“, erzählt der Mann. Ein Freund und Helfer, der irgendwann sogar eine Generalvollmacht bekommt und angeblich das Haus verkaufen soll. „Ich hätte alles machen können“, sagt T. Hat er aber nicht. Es gebe kein Darlehen, keine Überweisungen ins Ausland. „Ich habe kein Geld von Horst bekommen.“

Der Geschäftsmann sagt über Timo Beckmann, dass er den Vater bestohlen habe, dass er den Vater ins Heim stecken wollte. Dass er ihn und seine Frau beschimpfe und bedrohe. „Er hat einen Groll mir gegenüber.“

Offensichtlich ist, dass Timo Beckmann um sein Erbe fürchtet. Noch aus den USA ruft er T. an, um die Vollmachten des Vaters zurückzuziehen und Geld einzufordern, mailt, chattet. Beleidigungen inklusive.

Als sich die Streithähne Mitte September in Bad Zwischenahn treffen, kracht es offenbar sofort. Was wirklich passiert ist, muss die Polizei klären. Beide haben sich gegenseitig angezeigt: Körperverletzung, gegen Verleumdung, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung.

Die Bad Zwischenahner Polizei spricht von einem „ganz schönen Wirrwarr“. Weil Timo Beckmann gleichzeitig die ukrainische Pflegerin/Ehefrau seines Vaters angezeigt hat, wegen Diebstahl und Betrug. Die Akten liegen jetzt bei der Staatsanwaltschaft in Oldenburg.

Timo Beckmann zieht eine bronzefarbene Karaffe aus dem blauen Koffer. „Nur ein paar Sachen sind übrig geblieben“, seufzt er. „Das Haus war schon halb leer geräumt.“ An jenem Montag, Mitte September, als er zum ersten Mal nach fast eineinhalb Jahren wieder die Tür in Bad Zwischenahn aufschließt.

Dass sein Vater am 13. Juni gestorben ist, weiß Timo Beckmann von der holländischen Ex-Freundin. Bekannte haben die kleine Todesanzeige in der Nordwest-Zeitung gesehen. „In stiller Trauer haben wir Abschied genommen“, steht da. Darunter nur der Namen der Ukrainerin.

Doch die hat offenbar an der Urnenbeisetzung in Bad Zwischenahn gar nicht teilgenommen, weil ihre Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland abgelaufen war. „Noch bevor der Horst beerdigt wurde, musste sie zurück“, erzählt eine Freundin der Familie.

Die ältere Dame erfährt von Horst Beckmanns Tod rein zufällig auf dem Friedhof. „Vor einer Viertelstunde haben wir ihn beerdigt“, berichtet ihr ein Mitarbeiter. Nur ein Trauergast sei dabei gewesen: der Bevollmächtigte der Ukrainerin, ein Mann aus Cappeln im Kreis Cloppenburg. „Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut“, sagt die Freundin. Und sie bekommt eine Gänsehaut.

„Deren großer Fehler war, die Todesanzeige zu schalten“, sagt Timo Beckmann. „Ich hätte nie davon erfahren.“

Kontakt reißt ab

Horst Beckmann lernt die Ukrainerin Anfang 2016 kennen, im Geschäft von T., wo sie arbeitet. Sie wird seine Pflegerin. Ihre Vorgängerin, eine Polin, muss von einem Tag auf den anderen gehen. „Sie hat gesagt, sie wüsste zu viel“, erzählt die Freundin der Familie. Er habe sie entlassen, sagt T. Weil er die Familie der Polin beim Abtransport von Möbeln erwischt habe.

Timo Beckmann trifft die Ukrainerin erstmals im April 2016. Sein Vater hat sich die Hüfte gebrochen, er fliegt nach Deutschland. Nach langer Zeit einmal wieder. „Wir haben uns gut verstanden“, sagt er über das Verhältnis zum Vater. An der Pflegerin hat Timo Beckmann nichts auszusetzen. Vorerst.

Im Mai 2016 stirbt die damalige Lebensgefährtin von Horst Beckmann, im Juli reißt der Kontakt zwischen Vater und Sohn ab.

Timo Beckmann weiß nicht, dass sein Vater und die Pflegerin sich näher kommen, trotz fast 50 Jahren Altersunterschied. Er weiß nicht, dass sein Vater im Herbst 2016 mit der Frau in die Ukraine fährt und sie dort am 26. Oktober heiratet. Die ukrainischen Hochzeitsdokumente hat er im Haus in Bad Zwischenahn gefunden. Er zweifelt die Gültigkeit der Ehe an.

In einer Schublade liegt der Antrag der Ukrainerin auf Erteilung eines Aufenthaltstitels in Deutschland. Für sieben Jahre. Der offenbar noch nicht gestellt wurde. „Aus welchen Mitteln wird der Lebensunterhalt bestritten?“, lautet eine Frage. „Aus Einkünften des Ehemanns“, steht in der Antwortspalte.

„Horst war ihr total hörig“, sagt die Freundin der Familie.

Timo Beckmann weiß nicht, dass sein Vater ein halbes Jahr in der Ukraine bleibt, dass es ihm gesundheitlich immer schlechter geht. Parkinson. Demenz.

Freunde und Nachbarn, die telefonischen Kontakt zum 81-Jährigen haben, machen sich Sorgen. „Ich habe gesagt, Horst, wenn Du nach Hause willst, können wir Dich holen“, erzählt die Freundin der Familie. Sie sei im Januar zur Polizei gegangen, sagt sie. Doch die kann nichts machen, wenn Horst Beckmann freiwillig in der Ukraine ist.

Der Geschäftsmann T. spricht von einer Entführung. „Ich war mir sicher, dass sie hinter dem Geld her sind.“ Niemand könne ihm erzählen, dass eine 34-Jährige einen „zittrigen, alten Mann liebt, der sich in die Hose macht“. Horst sei von einem Tag auf den anderen verschwunden. Er selbst sei mehrfach bei der Polizei gewesen.

T. geht einen Schritt weiter, wirft der Frau und ihren Freunden vor, für den Tod von Horst Beckmann verantwortlich zu sein. Weil in der Ukraine die notwendigen Medikamente fehlten. „Für mich ist das fahrlässige Tötung.“

„Der wollte sich die letzten Reserven unter den Nagel reißen“, werfen die Ukrainer im Gegenzug T. vor.

Im April wird Horst Beckmann zurück nach Bad Zwischenahn gebracht. Großer, weißer Lieferwagen, abgedunkelte Fenster. „Es ging ihm so schlecht.“ Die ältere Dame ist den Tränen nahe. Die Ukrainerin hat demnach mehrere Männer mitgebracht, einer von ihnen wohnt in den nächsten Wochen mit im Haus. Ihr Geliebter, munkelt die Nachbarschaft.

„Drei solche Schränke.“ Geschäftsmann T. macht eine ausladende Armbewegung. Er habe Horst Beckmann nicht mehr gesehen. „M. hat mich nicht reingelassen, hat angefangen rumzuschreien.“

Timo Beckmann weiß nicht, dass sein Vater Anfang Mai ins Krankenhaus kommt, dass ein amtlicher Betreuer für ihn bestellt wird. Horst Beckmann ist schwer krank. Der Betreuer schaut sich auch die Konten an und findet nur wenige Tausend Euro. „Da hätte mehr sein müssen.“

Wer hat das Geld? Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen.

Horst Beckmann stirbt wenige Wochen später.

Kurz danach beobachten Nachbarn, wie die Ukrainer mit drei Autos vorfahren, das Haus ausräumen. „Die haben Koffer und Taschen geschleppt, bis nichts mehr in den Kofferraum passte.“ Und in der Garage nach Geld suchen. Einen ganzen Tag lang. „Horst hat damals allen erzählt, er habe Geld in der Garage versteckt.“

Garage durchsucht

Es klingelt. Der künftige Hausbesitzer will sich schon einmal umsehen. Timo Beckmanns Sohn und die Schwiegertochter schleppen mühsam ein Klavier nach draußen. Der Kleinlaster ist fast voll. Das Haus fast leer. Timo Beckmann hat es eilig, er muss zurück in die USA. Am nächsten Tag geht sein Flieger von Amsterdam nach Seattle.

Timo Beckmann hat inzwischen den Erbschein bekommen und das Haus verkauft. Dank des alten Testaments. Beim nächsten Besuch in Deutschland will er einen Anwalt beauftragen, nach Geld und Schmuck zu suchen.

Einige Tage später mailt Timo Beckmann aus Eatonville. Die Ukrainerin hat sich bei ihm gemeldet: „Du bist kein Nacherbe die unterlagen die ich zum Notar gegeben habe beweisen das. das Gericht wird schon entscheiden wer was bekommt. Geduld Geduld Geduld.“

Der Vertraute der Ukrainerin aus Cappeln gibt sich am Telefon kämpferisch, wirft Timo Beckmann vor, die Konten des Vaters selbst geplündert zu haben. „Der Sohn hat sich bedient. Er hat zum Schluss dreist Tausende abgehoben.“

Anfang 2017, als Horst Beckmann in der Ukraine ist, klagt er gegen seinen Sohn. Es geht um 6622,44 Euro nebst Zinsen. Eine Bad Zwischenahner Anwaltskanzlei formuliert die Anklageschrift. „Ich hatte eine Vollmacht und das Verfahren wurde nicht weiterverfolgt“, erklärt Timo Beckmann. Ein Gerichtsverfahren gebe es nicht. „Alles erlogen.“

Beim Amtsgericht Westerstede hat nur die Schwester Ansprüche angemeldet.

Das Urnengrab von Horst Beckmann auf dem Bad Zwischenahner Friedhof ist schlicht und schmal. „Auf in ein fernes Land, auf unseren Reisen unbekannt“, lautet die Inschrift.

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Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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