Düsseldorf /Oldenburg Die Forderung nach einem Freispruch für Marco G. war beileibe nicht alles, womit dessen Anwälte jetzt beim Salafisten-Prozess überrascht haben. Der Bundesanwaltschaft wurde auch noch vorgeworfen, sie habe den 29-Jährigen „brechen“ wollen. Nicht einmal davor, die Anklagebehörde mit Drohnen-Angriffen in Verbindung zu bringen, schreckte einer der Verteidiger zurück.

In der Vorwoche hatte die Bundesanwaltschaft für den in Oldenburg aufgewachsenen und später zum Islam konvertierten Marco René G. lebenslange Haft sowie die Feststellung der besonderen Schwere seiner Schuld beantragt. Ihm wird vorgeworfen, am 10. Dezember 2012 eine Rohrbombe am Bonner Hauptbahnhof abgestellt zu haben, um damit möglichst viele Menschen zu töten.

Außerdem soll er zusammen mit seinen drei Mitangeklagten Enea B., Koray D. und Tayfun S. einen Mordanschlag auf Markus Beisicht geplant haben. Beisicht ist Vorsitzender der wegen ihrer islamkritischen Grundhaltung vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Partei Pro NRW. Das Attentat auf ihn scheiterte, die vier Salafisten wurden am 13. März 2013 verhaftet.

Zur Überraschung aller forderten seine Verteidiger Mutlu Günal und Peter Krieger am Montag im Hochsicherheits-Gerichtssaal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts einen Freispruch sowie die Aufhebung des Haftbefehls gegen Marco G. Bei der Bonner Bombe begründete Krieger die Forderung damit, dass trotz gründlicher Suche kein Zünder gefunden wurde. Damit habe es sich bei dem Bombenfund nur um einen „Gegenstand auf dem Weg zu einem funktionierenden Sprengsatz“ gehandelt. Auch sei das Rohr nur mit 115 Gramm Sprengstoff und damit nur zu einem Drittel gefüllt sowie die Uhr auf 30 Minuten nach dem Abstellen der Bombe eingestellt gewesen. All dies lasse eine „ernsthafte Warnung“, etwa vor von dem Bombenbauer nicht gewünschten Militäreinsätzen, plausibler erscheinen als die Absicht, tatsächlich ein Blutbad am Bonner Hauptbahnhof anzurichten.

Den zum Beisicht-Attentat geforderten Freispruch begründete Mutlu Günal damit, dass Marco G. bereits am 9. Juni 2012 mit den Ausspähfahrten von Pro NRW-Mitgliedern begonnen habe, Beisicht aber im März 2013 immer noch nicht tot gewesen sei. Dies deute darauf hin, dass Marco G. und seine drei Mitangeklagten immer nur geredet hätten, aber nie zur Tat geschritten seien. „Was ist denn so schwierig daran, den Herrn Beisicht umzubringen? Warum dauert das so lange?“, fragte Günal. Hinzu komme, dass die Mitglieder von Pro NRW auf tätliche Übergriffe durch Islamisten gehofft hätten, um daraus für sich Profit zu schlagen.

Peter Krieger bestritt gar, dass Marco G. überhaupt gewaltbereit sei. Vielmehr sei ihm Gewalt angetan worden, etwa als er an Händen und Füßen gefesselt in den Sitzungssaal gebracht wurde. Damit spielte Krieger auf ein Ereignis im Herbst 2014 an, als Marco G. von SEK-Kräften mit Gewalt in das Gericht gebracht werden musste.

Auch Mutlu Günal ließ nichts unversucht, um Marco G. als Opfer darzustellen. So habe ihn die Bundesanwaltschaft „brechen“ wollen, etwa dadurch, dass ihm in der Haft nicht ein einziges Mal erlaubt wurde, Frau und Kind bei Besuchen zu umarmen. Stattdessen wurde dies durch eine Trennscheibe verhindert. „So machen wir das in Deutschland, Waterboarding brauchen wir da gar nicht“, sagte Günal wörtlich. Dazu, dass sich Marco G. während des Prozesses als glühender Islamist zu erkennen gegeben hatte, sagten die Strafverteidiger kein Wort. Stattdessen stellten sie in ihren Plädoyers mehrere „Hilfsbeweisanträge“ für den Fall, dass das Gericht Marco G. verurteilen wolle. Unter anderem wurde beantragt, Markus Beisicht als Zeugen zu vernehmen.

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