Oldenburg Hätte man Manuel Dedio vor etwas mehr als zehn Jahren gesagt, dass er heute einen Bachelor in Volkswirtschaftslehre, dazu einen zweiten in Mathematik und Philosophie, haben wird, und jetzt noch einen Master macht: Er hätte wohl gelacht. Dass er Mathe damals nicht verstanden hat, ist nur ein Grund dafür. Ein anderer ist, dass Manuel Dedios Eltern nicht studiert haben.

In Deutschland hängen Bildungschancen stark von der sozialen Herkunft ab: Von 100 Menschen, deren Eltern keine akademische Ausbildung haben, nehmen laut Hochschulbildungsreport gerade mal 21 ein Hochschulstudium auf. Bei Kindern aus Akademikerfamilien sind es 74 von 100.

Nach der Realschule machte Dedio eine Ausbildung, dann Fachabitur – nicht um zu studieren, sondern um bessere Jobmöglichkeiten zu haben. Dann kam die Finanzkrise, die Jobs, die für ihn infrage kamen, wurden rar und er ging studieren. Seine Eltern tolerierten die Entscheidung, vorgesehen war es aber nicht.

Um mehr Menschen aus Nichtakademiker-Haushalten an Hochschulen zu bringen, gründete sich 2008 die Initiative Arbeiterkind.de. Menschen, die als Erste in ihren Familien studiert haben, informieren und unterstützen andere „Arbeiterkinder“, also Kinder von Nichtakademikereltern, auf dem Weg zum und durchs Studium. Manuel Dedio ist einer der Mentoren der Oldenburger Ortsgruppe von Arbeiterkind.de.

Ortsgruppen von arbeiterkind.de in der Region

In Oldenburg trifft sich die Ortsgruppe an jedem zweiten Donnerstag im Monat, 18.30 Uhr, in der Finca&Bar Celona, Ammerländer Heerstr. 252.

In Wilhelmshaven ist ein Treffen an jedem zweiten Mittwoch im Monat, 16 bis 18 Uhr, in der Caféteria der Jade-Hochschule.

In Vechta trifft sich die Ortsgruppe von Arbeiterkind.de jeden zweiten Montag im Monat, 18.30 bis 19.30 Uhr, im Verace, Große Straße 53.

Auch Rukiye Serin, klassisches Arbeiterkind, engagiert sich als Mentorin in der Gruppe. Sie wuchs in einer Gastarbeiterfamilie auf, der Vater arbeitete im Bergbau, die Mutter war mit den zwei Kindern zu Hause. Serin sagt, sie habe Glück gehabt und gehöre zu jenen Arbeiterkindern, die auf direktem Wege Abitur machen konnten. Dennoch gab es Hürden: Lehrer, die ihr empfahlen, lieber nur mittlere Reife zu machen, Deutsch-Förderunterricht, den sie nicht nötig hatte. Durch ihr Lehramtsstudium hat sie Kontakt zu Schülerinnen und Schülern und sieht „viel Negatives“: junge Menschen, die keine Unterstützung erhalten, wenn es ums Studium geht, oder Eltern, die ihren Kindern sogar davon abraten.

Einfacher geworden

Rukiye Serin und Manuel Dedio hätten sich gewünscht, dass es Arbeiterkind.de schon früher gegeben hätte. Sie mussten sich noch allein durchkämpfen. „Man kann natürlich immer auf einzelne Personen mit akademischem Hintergrund zugehen“, sagt Dedio. Er selbst hat so Rat und Unterstützung gefunden. „Ohne das wäre es nicht möglich gewesen“, sagt er über seinen akademischen Weg.

Durch Arbeiterkind.de habe sich viel geändert. Es ist einfacher geworden für Studierende der ersten Generation, sich im unbekannten Universitätskosmos zurechtzufinden. „Bei uns trifft man Leute, die Ähnliches mitgemacht haben“, sagt Serin. Sie tauschen sich aus, etwa darüber, dass Akademikerkinder nicht immer nachvollziehen können, was sie bewegt: Wenn man sich ausgeschlossen fühlt, weil die Kommilitonen mit Namen wie Platon, Ovid oder Sartre jonglieren und man erst nachschlagen muss, wer das ist. Oder wenn man nicht mit ins Kino kann, weil bis zum Ende des Monats nur noch 20 Euro übrig sind.

Vor allem aber beantwortet Arbeiterkind.de ganz grundsätzliche Fragen: Wie ist ein Studium aufgebaut? Welche Fächer gibt es? Wie erstelle ich meinen Stundenplan? Und, natürlich: Geldfragen. „Der häufigste Grund, weshalb Leute zu uns kommen, ist die Finanzierung“, sagt Dedio. Die Mentoren helfen dann, indem sie zum Beispiel Möglichkeiten für Stipendien mit den Ratsuchenden durchgehen. Sie versuchen auch, junge Menschen schon vorher zu erreichen, etwa auf Jobmessen oder an Schulen.

Nur ein Bindeglied

Serin betont, dass Arbeiterkind.de nur ein Bindeglied ist zwischen Hochschulen, Schulen und den Menschen, die sie erreichen möchten. „Auf das Bildungssystem haben wir wenig Einfluss“, sagt sie. Das dreigliedrige Schulsystem sei nicht optimal, weil zu früh selektiert werde. „Viele Arbeiterkinder kommen gar nicht erst aufs Gymnasium“, sagt sie.

Dedio sieht es nicht ganz so eng: „Das dreigliedrige Schulsystem ist sinnvoll, solange die Durchlässigkeit gegeben ist. Es kann aber hinderlich sein“, sagt er. Nicht alle haben den Ehrgeiz und das Selbstbewusstsein, sich wie er proaktiv Unterstützung zu suchen. Manche wissen schlicht nicht, wo. Dennoch glaubt er, dass die soziale Herkunft bei Bildungschancen eine große Rolle spielt. „Wenn Nichtakademikerkinder am Ende doch den Weg der Eltern gehen, geht es eher um Tradition als um Chancengleichheit. Unsicherheit und Ängste aus dem Elternhaus übertragen sich“, sagt er. Zu Hause fehlten die Vorbilder, die Ansprechpartner, ergänzt Rukiye. Eltern, die selbst nicht studiert haben, können ihren Kindern nicht sagen, wie man sich an der Uni bewirbt oder wie man Hausarbeiten schreibt.

Serin verwendet das Bild vom Spatz in der Hand statt der Taube auf dem Dach: „Viele machen dann doch lieber erst eine Ausbildung und sagen: Studieren kann ich ja immer noch.“ Das sei auch völlig in Ordnung, sagt Dedio. Nur, findet Serin, müsse diese Entscheidung eben von einem selbst kommen. Beider Appell lautet daher: „Seid mutig! Wer wirklich studieren möchte, von Eltern oder Lehrern aber nicht ermutigt wird, für den sind wir da.“


Mehr Informationen unter:   www.arbeiterkind.de 
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Nathalie Meng Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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