Warfleth Kundig und konzentriert folgt das Publikum der großen Goldberg-Feier am Warflether Deich, zuerst einer Stunde Einführung aus dem Munde der Bach-Wissen und Bach-Begeisterung versprühenden Pianistin Ruth Forsbach, gewürzt mit Musikbeispielen vorwiegend ihrer Duopartnerin Uta Klisch. Nach der Pause dann anderthalb Stunden Aufführung der Goldberg-Variationen in der Fassung von Josef Rheinberger für zwei Klaviere.

Je länger der Abend währt, desto intensiver gerät die Zuwendung, schweißt die Musik Darbietende und Empfangende zusammen, steigt die Spannung, dass man die sprichwörtliche Nadel förmlich auf den Boden fallen hört. Nach Satz 32, der Schlussaria, ist minutenlang kollektives Atemanhalten angesagt, bevor sich Freude und Dankbarkeit in stehende Ovationen und Bravo-Rufe entladen.

Als Rheinberger sich 1883 des großen Variationenwerks annahm, war das Instrument, das Bach dafür vorgesehen hatte, nämlich das zweimanualige Cembalo, aus der Mode gekommen. Alle vier Stimmen der Partitur auf nur einem Klavier angemessen abzubilden, galt als unrealisierbar. So verfiel er auf die Idee, Bachs Notentext auf zwei Klaviere zu verteilen, was enorme spieltechnische Vorteile bot. Überdies reicherte er das Original um eigene Noten im Bachschen Stile an, ergänzte es um Harmonisierungen, Spielanweisungen und so weiter, kurz: schuf eine Art „Goldberg-Plus“ mit zeittypisch romantischer Aufladung.

Die neuen Dimensionen, die Rheinberger Bachs „Clavier-Übung“ damit öffnete, entfalten Ruth Forsbach (im Konzert zuständig hauptsächlich für den Rheinberger-Part) und Uta Klisch (Bachs Original) an zwei vorzüglich auf- einander abgestimmten Steinway-Flügeln in grandioser Manier.

So werden unter den feinnervig gestaltenden Händen zweier auf Präzision, Perfektion und Klarheit bedachter Pianistinnen aus Bachs bewunderungswürdig durchstrukturierten Goldberg-Variationen fast schon „Goldbergs Erzählungen“, ein Geschichtenstrom voll von narrativen Momenten in und zwischen den Ufern, die einen umfangen und nicht wieder loslassen.

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