Warfleth Einmal im Jahr, am 3. Oktober, lädt „Berne bringt ..“, die Konzertreihe in der kleinen Kirche am Deich in Warfleth, dazu ein, am Beispiel ausgewählter Werke der klassischen Musik über Zeit nachzudenken. Im vergangenen Jahr stand neben anderen Stücken Messiaens epochales „Quattuor pour la Fin du Temps“ auf dem Programm, geschrieben 1941 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager. Diesmal eignet sich die Agenda des Abends, dem Einfluss einengender politischer Verhältnisse auf die darunter entstandene Musik nachzuspüren – dem und der Frage, ob und wie sich sonstige Stürme des Lebens vom Schlage etwa einer neuen Liebe in Werke eingraben.

Da ist die Cellosonate des russischen Komponisten Sergej Prokofjew, geschrieben 1949, im Alter von 58 Jahren. Für das Hören dieser Sonate schadet es nicht, zu wissen, dass die Zeitläufte Prokofjew bis hierhin schon ordentlich zugesetzt hatten: Flucht vor den Bolschewiken, Entwurzeltsein im fremden Amerika, als wohltuend empfundene Rückkehr über Frankreich in die russische Heimat. 1941 scheitert die Ehe, er verlässt Frau und Kinder, zieht mit der Schriftstellerin Mira Mendelson zusammen. Seine Frau widerspricht einer Scheidung. Jahrelange juristische Händel.

1945 stürzt er schwer, von den Folgen seiner Kopfverletzungen wird er sich nie mehr ganz erholen. 1948 dann endlich doch die Heirat mit Mira. Doch im selben Jahr widerfährt ihm die Ächtung des Regimes. Es nimmt Anstoß an seiner Oper „Die große Freundschaft“: „formalistisch“ sei die, sprich zu wenig russisch-volkstümlich, zu verkopft, zu bürgerlich dekadent, anti-sowjetisch.

Prokofjew weiß, was das bedeutet. Aber noch bevor er darüber in Depression und Nichtstun verfallen kann, läuft ihm der Cellist Rostropovich, Temperamentsbolzen und Weltstar, über den Weg, und Prokofjew beeilt sich, vorzugeben, er arbeite gerade an einer Cellosonate, die er, Rostropovich, doch bitte aufführen könne. So entsteht, unter gütiger Mitarbeit Rostropovichs, der sich, der Geläufigkeit des Celloparts zuliebe, an der Komposition aktiv beteiligt, eine Cellosonate, die die Spannungen, denen Prokofjew ausgesetzt war, in bezwingende Musik transformiert: düsteres Largo-Moll begegnet fetzigen Marschrhythmen, strahlendstes C-Dur und liebliche Poesie paaren sich mit volkstümlichem Idiom, zeugen ein triumphales Trotz-Alledem-Finale; Pfeifen im Wald und Schwanken im Wind, die Doppelbödigkeit seiner Existenz bleibt greifbar vom ersten bis zum letzten Ton.

Schostakowitsch, der Jüngere, setzte seine Cellosonate schon 1934, mit 28. Auch für ihn war die Zeit der Cellosonate eine Kipp-Zeit. Bloß konnte er das, anders als Prokofjew, seinerzeit noch nicht überblicken, denn ihn sollte das offizielle „Formalismus“-Verdikt Stalins (über die Oper „Lady Macbeth“) erst ein Jahr später treffen.

1934 wird die Oper den großen Häusern noch volle Säle und Umsatzrekorde bescheren, und Schostakowitsch wird bejubelt und herumgereicht, trotz aller in Kader-Kreisen bereits seit längerem schwelenden Kritik an dem allzu erfolgreichen Überflieger.

Bei den Arbeiten an „Lady Macbeth“ und an seiner zweiten Sinfonie hat Schostakowitsch sich dermaßen verausgabt, dass er sich Frühsommer eine Auszeit in einer Ferienpension des Bolschoi-Theaters gönnt. Hier entsteht die Sonate, in großem Schwung niedergeschrieben binnen weniger Wochen. Überlagert wird Schostakowitschs Kuraufenthalt nicht nur von den subkutanen Spannungen im politischen Umfeld, sondern auch von handfesten privaten Turbulenzen: Bei der Opernpremiere in Leningrad hat sich Schostakowitsch so heftig in eine Studentin verliebt, dass er sich von seiner Frau Nina scheiden ließ (zwei Jahre später, nach dem „Macbeth“- Eklat, heiraten beide erneut).

Auch diese Sonate hat mindestens zwei Böden. Insbesondere kann man sie ganz anders lesen als das balladesk-sentimentale Stück, als das es oft genommen wird. Denn ein spöttischer Ton führt immer wieder das nur scheinbar idyllische Ambiente ad absurdum, es klingt wiederholt nach einem sehr beschwingten Schostakowitsch und seiner großen Lust, dem Rest der Welt eine lange Nase zu drehen.

Wie hoch Schostakowitsch selbst die Bedeutung der Sonate einschätzte, lässt sich daran ermessen, dass er sie – zusammen mit der Violinsonate und der damals erst zu schreibenden Bratschensonate op. 147, die sein letztes Werk werden sollte – im Mai 1975 für den zur Eröffnung der folgenden Saison der Petersburger Philharmonie geplanten Autorenabend auswählte; einen Abend, den er selbst nicht mehr erlebte.

Und dann die Cellofassung der legendären Sonate für Viola und Klavier aus dem Jahr 1975, op. 147, Schostakowitschs letztes Werk, Testat und Substrat eines ganzen Lebens!

Mitte der 1960er Jahre häuften sich Erkrankungen, Schostakowitsch litt unter einer chronischen Rückenmarksentzündung, die zu einer fortschreitenden Lähmung der rechten Hand führte. 1966 erlitt er einen ersten Herzinfarkt, fünf Jahre später einen zweiten. Die 14. Sinfonie für Sopran, Bass und Kammerorchester setzt sich bereits eindrücklich mit dem Thema Tod und Abschied auseinander.

Ende 1967 bricht er sich ein Bein und bleibt fortan gehbehindert. Seitdem verbringt er jedes Jahr einige Monate in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die große 15. Sinfonie in A-Dur, seine letzte, ist ein mit Selbst- und Fremd-Zitaten angefüllter, rätselhafter, nur auf den ersten Blick freundlicher, in Wahrheit abgründiger Rückblick auf ein Komponistenleben voller Höhen und Tiefen.

Vom Lungenkrebs schon schwer gezeichnet, beginnt er 1975 mit der Komposition der Bratschen-Sonate, Fjodor Druschinin, dem Bratscher des Beethoven-Quartetts zuliebe und zu Ehren. Es wird sein letztes Werk. Zu Hause kann er es nicht mehr vollenden; die letzten Zeilen und die letzten Korrekturen wird er auf dem Sterbelager, im Bett des Krankenhauses, verfassen.

In diesem Werk verdichtet sich gelebtes Leben zu Musik mit Ewigkeitsgeltung. Welch große, erschütternde Erzählung! Welche Eindringlichkeit! „Der Mittelsatz der Bratschensonate sagt eigentlich alles. Alles über die Trauer und die Kraft, alles über den Formwillen und die Verzweiflung des Dmitri Schostakowitsch, über sein Leiden an der Gegenwart und seine prophetische Energie.“

Das Finale dieser großen Sonate gehört zu den ergreifendsten Abschiedsgesängen, die jemals geschrieben wurden, vergleichbar etwa dem Schluss von Beethovens berühmter Klaviersonate op. 111 oder dem zweiten Satz von Schuberts Sonate D 959.

Schostakowitsch hat hier das Adagio von Beethovens „Mondscheinsonate“ verarbeitet. Dessen Gerüst aus Triolenbewegung und punktiertem Trauermarschmotiv wird vom Klavier in freier Weise zitiert und verfremdet, während sich die Bratsche in weiten Melodiebögen ergeht. Im Mittelteil steigert sich die Bewegung bis zum leidenschaftlichen Solo der Viola, bevor die Coda in C-Dur friedlich schließt. Die ganze Anlage des Satzes wie auch der C-Dur-Schluss sind als Vermächtnis des Komponisten zu verstehen, ein Vermächtnis, das alle Zeit, allen Schmerz, allen Aufruhr besiegt.

Zwei Empfehlungen zum Schluss. Erstens: Man höre die Prokofjew-Sonate in der Urbesetzung Rostropovich/ Richter nach (im Netz oder auf Platte) und stelle sich dabei vor, wie Elschenbroich/ Grynyuk klingen – dort die bisweilen schwerfällig bräsige Erdigkeit, hier lyrische Sanglichkeit, luzide Gediegenheit und kalkulierte Expressivität. Kann man sich prädestiniertere Interpreten für opus 147 vorstellen als Elschenbroich/ Grynyuk – ein Duo, das Zartheit zum Flirren und Schatten zum Leuchten zu bringen versteht? Wohl kaum.

Zweitens: Schnäppchenjäger, die meinen, am 4. und 5. Oktober ein Elschenbroich-Konzert in Bremen für lau beziehungsweise für 10 Euro schießen zu können, sollten wissen, dass sie dafür etwa zehn Minuten Elschenbroich erwarten (dürfen).

In Warfleth erwartet sie hingegen für 25 Euro rund 90 Minuten mit dem Weltklasse-Cellisten Leonard Elschenbroich und dem Pianisten Alexej Grynyuk. Der einfache Dreisatz genügt. Das Konzert beginnt um 18 Uhr. Karten gibt es unter Telefon  04406/920046.

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