Jade Das knallrote, dreiräderige Fahrzeug an der Dorfstraße zieht neugierige Blicke auf sich. Seine Karosserie erinnert ein bisschen an einen Messerschmitt Kabinenroller aus den 1950er und 60er Jahren. Und in gewisser Weise ist es wie die sogenannte Knutschkugel auch ein Oldtimer. Das Fahrzeug ist ein Ende 1980 in Dänemark gebautes Elektroauto und gehört Heinz Walczyk in Jader­außendeich (Kreis Wesermarsch). Er hat mit dem Mini EL im August 1991 die Abenteuerreise seines Lebens unternommen – rund 1600 Kliometer von Schwäbisch Gmünd in Baden-Württemberg nach Dangast (Kreis Friesland) und zurück.

Sorgen um die Umwelt

Der heute 76-Jährige ist in Oldenburg geboren und aufgewachsen. Nach einer Ausbildung zum Dekorateur studiert er Kunst in München, wo er auch seine Frau kennenlernt, eine Varelerin. Sie ziehen nach Schwäbisch Gmünd, wo Heinz Walczyk die Meisterprüfung zum Goldschmied ablegt und an der Pädagogischen Hochschule ein Lehramtsstudium absolviert. Anschließend arbeitet er an einer Dorfschule in Untergröningen, er unterrichtet Kunst und Sport „und alles, was so anfällt“. Das klingt nach einem glücklichen und sorgenfreien Leben.

Doch Walczyk macht sich Sorgen. Er sorgt sich um die Umwelt. Es ist die Zeit des Waldsterbens, der Ölkrise, Grenzen des Wachstums werden erkennbar. Er beginnt sich für alternative Energien zu interessieren und besucht eine Elektromesse in Stuttgart. Dort ist er besonders von den futuristisch anmutenden Elektromobilen fasziniert.

Ein Import aus Dänemark, das Mini EL, hat es ihm besonders angetan. Das dreiräderige Fahrzeug für eine Person hat 1,5 PS  und verbraucht acht bis neun Kilowatt Strom auf 100 Kilometer. „Mit einer vollen Batterieladung kommt man bei Tempo 45 etwa 45 bis 50 Kilometer weit“, erklärt er.

In Walczyk reift ein Plan heran. Er nimmt schließlich einen Kredit auf und kauft für 12 000 D-Mark das Elektroauto „mit 1000 Kinderkrankheiten und einem Besitzer ohne Ahnung von Elektrik“. Aber er lässt sich nicht entmutigen, und ein geduldiger Nachbarn führt ihn in die Grundlagen der Autotechnik ein.

Als auch die letzten bürokratischen Hürden überwunden sind, bricht Heinz Walczyk Ende August 1991 von Schwäbisch Gmünd, 50 Kilometer von Stuttgart entfernt, zu seiner Deutschlandtour auf. Sein Ziel ist Dangast.

Er will von Steckdose zu Steckdose fahren, aber so einfach, wie er sich das vorgestellt hat, ist das nicht. So ist zum Beispiel der Schwimmmeister in einem Freibad erst nach einigem Überreden bereit, Strom für das Elek­tromobil zur Verfügung zu stellen. „Nach zweieinhalb Stunden schwimmen war die Batterie wieder voll“, erzählt er.

Hilfe bei Pannen

An einer Tankstelle trifft er auf einen ratlosen Pächter. Was kostet eine Stunde Strom? Nach einigen Telefonaten einigt man sich schließlich auf eine D-Mark für zwei Stunden an der Steckdose. An einer Tankstelle in Mannheim wird Walczyk mit seinem Fahrzeug dagegen entsetzt abgewiesen, man befürchtet eine Explosion.

Der Pionier in Sachen Elektromobilität schläft in Jugendherbergen, Hütten, Ställen, Kinderzimmern und hin und wieder auch mal in einem Hotel. Neun Stunden brauchen die Autobatterien, um voll aufgeladen zu sein. Immer dabei hat Walczyk sein Tagebuch und Zeichenblock und Zeichenstift, um unterwegs Skizzen zu machen – zum Beispiel von der Burg Löwenstein. Im Ort am Fuß der Burg bekommt er in einer Schlosserei, die einem Nachkommen des Autobauers Wilhelm Maybach gehört, kostenlos Strom und sogar die Schlüssel für das Burgtor. Eine unvergessliche Begegnung für ihn.

Jeder Halt unterwegs wird genutzt, um die Batterien aufzuladen. Dabei entwickeln sich auch immer interessante Gespräche, Walczyk muss Rede und Antwort stehen. Aber er lässt sich auch gern Löcher in den Bauch fragen.

Aber in Bonn scheint seine Reise zu Ende zu sein. Die Batterien haben ihren Geist aufgegeben, nichts geht mehr. Mit Müh und Not schafft Walczyk es noch in den Hafen von Köln und hat Glück, dass ihn ein niederländisches Frachtschiff mitnimmt bis zur Zollstation Tolkamen auf der holländischen Seite des Rheins. Mit dem Kapitän hat Walczyk heute noch Kontakt, man schreibt und besucht sich. In Tolkamen schleppt ein junger Mann das Fahrzeug nach Emmerich. Dort trifft Walczyk einen Autoteilehändler, der die Batterien über Nacht wieder flott macht. Es ist ein kleines Wunder, die Reise kann weitergehen.

Das knallrote Elektroauto steht heute meistens in der Garage. Es ist nicht mehr fahrbereit, weil die Batterien mittlerweile kaputt sind und Walczyk bislang einfach keinen Ersatz gefunden hat. Die dänische Autofirma gibt es auch nicht mehr. „Ich würde gern mal wieder fahren“, sagt er und blickt ein bisschen wehmütig auf seine Knutschkugel. „Es hat so einen Spaß gemacht“.

Für die Reisevon Schwäbisch Gmünd nach Dangast brauchte Heinz Walczyk zehn Tage. Wegen des Totalausfalls der Batterien bei Bonn legte er 187 Kilometer auf einem Frachtschiff zurück. Für die Rückreise brauchte er nur neun Tage. Die Fahrt an die Nordsee kostete etwas über 50 D-Mark, bei 35 Pfennig pro Kilowattstunde.

In seinem Hausin Jaderaußendeich (Außendeicher Straße 17) hat der 76-Jährige eine kleine Galerie mit Bildern und Skulpturen von Oldenburger Künstler eingerichtet, die auf Anfrage besichtigt werden kann. Kontakt unter Telefon  04455/94 86 25.

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Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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