Berlin Wie kann 2700 Jahre alte Literatur neu wirken? Diese Frage beschäftigt immer wieder Übersetzer, die Homers „Ilias“ aus dem Griechischen ins Deutsche übertragen. Das antike Epos über den Trojanischen Krieg, das neben seiner „Odyssee“ zu den größten literarischen Schätzen Europas zählt, ist nun vom Schweizer Kurt Steinmann für einen Prachtband neu übersetzt worden.

Bis nach Hollywood

Dabei ist die „Ilias“ (von „Ilios“, einem Beinamen Trojas) ein genauso großes Rätsel geblieben wie ihr Dichter. Über Jahrhunderte herrschte Streit, ob es Homer überhaupt gegeben hat. Oder ob sein Gesamtwerk aus einer Hand stammt – oder nicht eher das Resultat diverser Autoren ist. Und Troja? Ist die unter anderem vom Deutschen Heinrich Schliemann ausgegrabene Stätte in Kleinasien tatsächlich jener Ort, an dem die wohl mythischste aller Schlachten ihren Lauf nahm? Gab es den Krieg überhaupt?

Ganz egal ob reine Fiktion oder historisches Kriegsvorbild: Das Werk hat Geschichte und Philosophie, Literatur und Kunst des Westens bestimmt wie nur wenige andere Schriften. Selbst Hollywood hat 2004 mit dem Blockbuster „Troja“ der „Ilias“ ein Denkmal gesetzt.

Wer kennt sie etwa nicht, die List mit dem Trojanischen Pferd? Doch kommt die bekannteste Szene gar nicht in der „Ilias“ vor. Homer berichtet von etwa 50 Tagen im zehnten Kriegsjahr. Die Stadt von König Priamos wird von den Griechen belagert. Der Grund: Die schöne Helena, Gattin des Menelaos, schmust mit Troja-Prinz Paris fremd.

Ihretwegen finden die größten Helden den Tod. In das drastische Gemetzel („und das Rückenmark spritzte ihm aus den Wirbelknochen“) greifen immer wieder die olympischen Götter ein – die einen aufseiten der Griechen, die anderen für die Trojaner. Hin und wieder gehen sie sich auch gegenseitig an die Gurgeln. Darin sind selbst Götter nur menschlich.

Den Höhepunkt markiert der Zweikampf zwischen Achill, dem größten Kämpfer der Griechen, und Hektor. „Vorwärts schoss er geduckt wie ein luftdurchsegelnder Adler, / der hinab auf die Ebene stößt durch finstere Wolken, / um einen kauernden Hasen zu packen oder ein Lämmlein: / So schoss Hektor heran und schwang das Schwert, das geschärfte.“

Nah am Original

Nach dem Kampf um Leben und Tod schleift Achill die Leiche des trojanischen Prinzen hinter seinem Wagen her. Doch ist am Ende der 15 693 Verse nichts vom Krieg entschieden, die Belagerung hält an. Das Holzpferd hat erst in der „Odyssee“ seinen Auftritt.

Steinmann verfolgt mit seiner Neuübersetzung den Anspruch, möglichst nah am griechischen Original zu arbeiten und zugleich den Fluss eines poetischen Textes im Deutschen zu wahren. Damit tritt er in die Fußstapfen seines berühmten Vorgängers Johann Heinrich Voß, der mit seiner „Ilias“-Übertragung in Versform von 1793 selbst schon ein Klassiker ist.

Steinmann versucht es – wie schon bei seiner Übersetzung der „Odyssee“ von 2007 – moderner, betont allerdings seine Verpflichtung gegenüber Homer. „Die äußere Form des homerischen Epos ist mit ihrem Inhalt untrennbar verschmolzen“, erklärt er seine Entscheidung, den Hexameter beizubehalten und den Text nicht etwa in Prosa zu übertragen. Das Gleichmaß verleihe Rhythmus und Glanz. An der „Ilias“ arbeitete er neun Jahre – so lang wie Trojas Belagerung.

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