London Die Briten lieben ihren Boris, das konnte man in den vergangenen Wochen wieder mal erleben. Wo er auftritt, gehen die Menschen respektvoll und freundlich mit ihm um, sie applaudieren und lauschen seinen fachkundigen Einschätzungen.

Auf der Tennisanlage von Wimbledon ist Boris Becker abseits der Plätze ein gefragter Mann. Und sie verzeihen ihm sogar den Verlust des Führerscheins, weil er wiederholt zu schnell durch Londons Straßen gebraust war und dabei das Handy am Ohr hatte. War wohl wichtig!

Seit seinem ersten Sieg beim bedeutendsten Turnier der Welt im Jahr 1985 ist der „17-jährigste Leimener aller Zeiten“ in seiner Wahlheimat London ein gerngesehener und gehörter Exilant, der einst aus Deutschland vor Medien und Steuerbehörden flüchtete. Einen wie Becker mögen vor allem die konservativen Briten in ihrem Land, weil er sich elegant zu kleiden und meist auch zu benehmen weiß, und seit geraumer Zeit als Experte für die BBC die Tennis-Partien in Wimbledon analysiert.

Im Südwesten Londons ist die Welt zwischen Geranien in Rot und Lila und Erdbeeren mit flüssiger Sahne noch in Ordnung. In der modernen, internetgetriebenen Sportgesellschaft lebt hier der altmodische und vornehme Charakter weiter, der das Turnier weltweit von allen anderen abhebt. Denn nur hier schreiben die Regeln vor, dass der „weiße Sport“ auch auf der Spielkleidung ausnahmslos dargestellt werden muss. Farbelemente sind höchstens zentimeterweise erlaubt.

Tradition steht über allem: Die Schiedsrichter tragen Uniform, die Damen der gehobenen Gesellschaft geblümte Kleider und große Hüte und die Herren Einstecktücher. Bis zu einer Regeländerung im Jahr 2003 wurde zudem von den Spielern erwartet, den in der „Royal Box“ anwesenden Mitgliedern der Königsfamilie Respekt per Verbeugung oder Hofknicks zu erbieten. Seit 1877 werden die „Lawn Tennis Championships“ auf Rasen ausgetragen, und es wirkt so, als erhielten die Briten in den ersten beiden Wochen Anfang Juli ihr Empire zurück.

Etwa fünf Kilometer Luftlinie entfernt von Wimbledon in östlicher Richtung spiegelt sich das britische Imperium in anderer Form wider. Im Stadtteil Brixton leben rund 79 000 Menschen unterschiedlicher Herkunft in einem Schmelztiegel der Kulturen. Straßenmärkte und fliegende Händler zelebrieren die multikulturelle Gesellschaft. Der ethnische Schwerpunkt ist afro-karibisch. Exotische Speisen, angeboten in mobilen Küchen und großen Hallen, weiten Augen und Nasen der Besucher.

„Remain“ (Bleibe) ist auf Schildern mit der Europaflagge an Straßenlaternen entlang der Hauptstraßen Brixton Hill und Railton Road plakatiert. Beim Brexit-Referendum im unheilvollen Sommer 2016 hatten die Stimmberechtigten im dortigen Wahlbezirk Lambeth mit knapp 79 Prozent für den Verbleib Großbritanniens in der EU votiert und sich deutlich gegen die Abschottung ausgesprochen.

Bekanntlich hat es nichts genutzt, und nun ist einer ins höchste Regierungsamt des Landes gekommen, der als Bürgermeister von London zwischen 2008 und 2016 den öffentlichen Nahverkehr vereinheitlichte, Alkohol aus Zügen und Bussen verbannte und den Radverkehr in der überfüllten Londoner Innenstadt ausbaute: Boris Johnson. Die feuerroten Doppeldecker tragen nach ihrem Beschaffer noch heute den Spitznamen „Borismaster“.

Als neuer Regierungschef erhält Johnson ein nicht gelöstes Problem britischer Einwanderungspolitik aus Londoner Zeiten zurück. Der sogenannte „Windrush“-Skandal führte Ende Mai 2018 zum Rücktritt der zuständigen Innenministerin im Kabinett Theresa MayAmber Rudd.

Johnsons politisches Gedächtnis ist scheinbar mit ebenso kurzer Haltbarkeit ausgestattet wie sein moralisches Gespür. Am Mittwoch ernannte er seine Arbeitsministerin – Amber Rudd.

Im afro-karibisch geprägten Stadtteil Brixton sind viele Familien von den Folgen der migrationsfeindlichen Politik betroffen. Der Beginn liegt 70 Jahre zurück. 1949 legte ein Schiff mit Namen „Empire Windrush“ in Tilbury an der Küste Englands an und brachte 492 Einwanderer aus dem Commonwealth an Land. Nach dem auch für die Briten verlustreichen Zweiten Weltkrieg waren sie einer Einladung des Königreiches gefolgt, das Arbeitskräfte suchte. Bis zum Jahr 1973 kamen alles in allem 550 000 Menschen aus der Karibik nach Großbritannien, fanden dort Arbeit, zahlten Steuern und sahen sich als Briten.

Im Kampf gegen illegale Einwanderung wurde die Migrationspolitik im Jahr 2012 verschärft – durch die damalige Innenministerin Theresa May. Um eine Wohnung mieten, eine Arbeit finden, erfolgreich Sozialhilfe beantragen zu können, musste man in der Folge beweisen, dass man tatsächlich britischer Staatsbürger ist.

Das Problem war, dass die meisten Kinder der „Windrush“-Generation, die niemals ins Ausland reisten oder die britische Staatsbürgerschaft beantragten, weder einen Personalausweis noch einen Reisepass erhielten, um zu beweisen, dass sie das Vereinigte Königreich legal betreten haben und das Recht haben, zu bleiben. Zudem wurde bekannt, dass das Innenministerium 2010 einen Teil der Registerkarten zerstört hatte, auf denen das Ankunftsdatum vermerkt war.

Aber nun soll alles besser werden: Raus aus der EU am 31. Oktober – notfalls ohne Vertrag! Und die vollmundige Ankündigung, Großbritannien könne ab 2050 die florierendste Wirtschaft Europas sein, dürfte Boris Johnson spätestens am 1. November wieder vergessen haben.

Oliver Schulz Redakteur / Kulturredaktion
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