Nwz-Analyse Zur Kriegsgefahr Im Mittelmeer
Wenn es sein muss, auch mit der Waffe

Im östlichen Mittelmeer droht Kriegsgefahr - zwischen zwei Nato-“Partnern“. Griechenland hat einen Politikwechsel vollzogen. Athen will die hemmungslose Expansion und die andauernden Provokationen der Türkei nicht länger hinnehmen. NWZ-Korrespondent Ferry Batzoglu über einen Brennpunkt, den nur wenige in Deutschland bisher wahrnehmen.

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Eine griechische F16Bild: DPA
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Athen Wie geht man mit einem Unruhestifter um? Mit einem potenziellen Aggressor? Mit jemandem, der sich grundsätzlich nicht um geltendes Recht, Völkerrecht oder internationale Verträge zu scheren scheint? Der glaubt, er könne unverhohlen mit orientalischem Schwulst drohen, nach Belieben provozieren und gar so handeln, dass er damit bewusst riskiert, einen Krieg vom Zaun zu brechen?

Autor dieses Textes ist Ferry Batzoglou. Er berichtet für unsere Zeitung aus Griechenland und vom Balkan. (Foto: privat)
Autor dieses Textes ist Ferry Batzoglou. Er berichtet für unsere Zeitung aus Griechenland und vom Balkan. (Foto: privat)

Genau das fragen sich die Griechen, wenn es um ihren Nachbarn Türkei geht. Ja, um einen Nato-Partner. Das ist zwar kein Novum. Schon 1996 hatte die Türkei in einer nächtlichen Operation eine der beiden unbewohnten Imia-Inseln in der Ost-Ägäis durch Kommandos besetzen lassen. Ein Hubschrauber der griechischen Marine stürzte bei einem Beobachtungsflug über Imia ab. Alle drei Insassen starben. Die griechische Seite machte dafür inoffiziell türkischen Beschuss verantwortlich. Offiziell schwieg man aber dazu, um die angespannte Lage nicht noch weiter anzuheizen. US-Präsident Bill Clinton und die Nato-Spitze intervenierten, so dass sich die griechischen und türkischen Kriegsschiffe um Imia zurückzogen. Ein Krieg unter den Nato-Partnern wurde so in letzter Sekunde verhindert.

Den Rückzieher empfinden die Griechen bis heute als Demütigung. Für sie waren und sind die Imia-Inseln griechisch. So wie weite Teile der Ägäis griechisch sind. Mit ihren vielen Inseln, ihren Festlandsockeln und der sogenannten Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ). Der Klügere, namentlich die griechische Seite, gab nach, um nicht aus einer Krise einen Konflikt zwischen zwei hochgerüsteten Ländern werden zu lassen. Das Zauberwort für Griechenlands Türkei-Politik hieß seither: „Katevnasmos“ (Besänftigung).

Politische Wende

Damit ist es nun vorbei. Die Griechen haben feststellen müssen: Die Türkei ist nicht zu besänftigen. Schon gar nicht mit einem Autokraten, einem Möchtegern-Sultan an der Spitze, der mit seinen Truppen nach Syrien eindringt und militärisch auch im Libyschen Bürgerkrieg offen Partei ergreift.

Die Spannungen im östlichen Mittelmeer haben wieder stark zugenommen. In der Luft, auf dem Meer. Auslöser ist ein Ende vorigen Jahres abgeschlossenes bilaterales Abkommen zwischen der Türkei und der Regierung in Libyen. Es sieht eine gemeinsame Seegrenze zwischen der Türkei und Libyen vor. Das türkische Dogma lautet: „Das östliche Mittelmeer gehört in großen Teilen uns. Das ist unser blaues Vaterland.“

In Athen löste das Abkommen Empörung aus. Es verstoße eklatant gegen internationales Recht, indem es eindeutig griechische Inseln mit ihren Festlandsockeln ignoriere. Die Türkei wolle mit dem Abkommen mit Tripolis illegal Ansprüche im östlichen Mittelmeer geltend machen, in denen große Vorkommen an Erdgas vermutet werden und um diese künftig ausbeuten zu können, so Athen.

Für die Griechen ist klar: Das Abkommen zwischen Ankara und Tripolis müsse sofort annulliert werden. Wer ohne Genehmigung der Griechen in griechische Gewässer eindringe, müsse diese sofort verlassen. Auch mit Waffengewalt, wenn es sein muss.

Konfrontation zur See

Am 31. Januar war es fast soweit. Das türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“ drang in den griechischen Festlandsockel östlich von Kreta ein, blieb dort mehrere Stunden. Die griechische Fregatte „Nikoforos Fokas“ forderte die Türken prompt auf, den Festlandsockel wieder zu verlassen. Erst Stunden später spurte die „Oruc Reis“.

Griechenland hat die Region östlich von Kreta jedoch (noch) nicht als seine Ausschließliche Wirtschaftszone deklariert. Der Grund dafür: Die Politik der Besänftigung gegenüber der Türkei. Aus dem gleichen Grund hat Hellas bis dato auch nicht seine Hoheitsgewässer von derzeit sechs auf zwölf Seemeilen ausgeweitet, so wie es alle anderen Staaten auf der Welt nach geltendem Recht bereits getan haben. Eben um die Türkei zu besänftigen.

Ohne Erfolg.

Die Anzahl der Scheingefechte zwischen griechischen und türkischen Kampfflugzeugen über dem östlichen Mittelmeer ist zuletzt in die Höhe geschnellt. Der Ablauf ist immer derselbe: Türkische Kampfjets dringen in den griechischen Luftraum ein – und werden von griechischen Kampfjets in gefährlichen Manövern abgedrängt.

Geplante Expansion

Hellas befürchtet, die Türkei werde bald im östlichen Mittelmeer Fakten schaffen, die die griechische Souveränität verletzen. Offenbar hat sich Erdogan dafür auch ein zeitliches Ziel gesetzt: das Jahr 2023, genau 100 Jahre nach Gründung der modernen Türkei. Damals wurden im Lausanner Vertrag die Grenzen der Türkei mit Griechenland, aber auch mit Syrien festgezurrt.

Genau dieser Lausanner Vertrag ist dem Neo-Osmanen Erdogan schon lange ein Dorn im Auge. Er glaubt, Hellas habe damals zu viel vom Kuchen im östlichen Mittelmeer abbekommen. So will er die türkische Grenze weiter nach Westen verschieben. Dem ist ein Riegel vorzuschieben. Vor allem diplomatisch, gegebenenfalls juristisch. Falls nötig militärisch. Verteidigend. Als „Ultima Ratio“.

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