Wittenberge /Lohorst Am Boden ist es windstill an diesem Tag. Trotzdem drehen sich die sechs fast 200 Meter hohen Windräder des Windparks Kammersand ohne Unterlass – und produzieren ein monotones Brummen, das nicht aufhört. Die Mitglieder der Bürgerinitiative Lohorst/Wittenberge/Rothenmethen/Kammersand beschreiben es als ein „Bollern und Rauschen wie bei einem heftigen Sturm am Atlantik“, wenn der Wind stärker weht, aus Richtung Westen.

Windparkbetreiber Christoph Raming aus Barßel ist oft an seinen Windrädern. Er freut sich, wenn sie sich drehen, und bezeichnet sich selbst als „nicht gerade schwerhörig“. „Ich bin gestern Morgen noch dort gewesen und muss sagen, dass ich fast nichts gehört habe“, so Raming. Den erneuten Vorstoß der Bürgerinitiative, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, sieht er als ein „Nachkarten, ein Remmidemmi-Machen, weil man sich nicht mit den Windrädern abfinden will“. In der Vergangenheit sei er als Projektierer massiv angegangen worden, auch unter der Gürtellinie.

Interferenzen

Die Anwohner jedenfalls berichten, dass sie selbst bei Windstille am Boden keine Ruhe mehr haben. „Bei mir ist der Tinnitus deutlich schlimmer geworden“, berichtet Monika Oetje-Weber, die rund 1,5 Kilometer entfernt an der Wittenberger Straße wohnt. „Der Schall fängt sich bei mir“, sagt die Wittenbergerin. Ähnliche Erfahrungen hat auch Bernhard Kohls gemacht, der deutlich näher am Windpark Kammersand wohnt und zugleich mit den Schall-Immissionen deutlich kleineren Windrädern des nahen Windparks „Hübscher Berg“ konfrontiert wird.

„Mein Sohn kennt hier nur die Stille“, sagt der Lohhorster, „doch seit der Windpark Kammersand ans Netz gegangen ist, ist alles anders“. Als der Sohn zuletzt zu Besuch gekommen und über Nacht geblieben sei, habe er den Vater gefragt: „Was ist denn bei euch bloß nachts hier los?“

Am schlimmsten ist es für die Anwohner, wenn sich die Geräuschimmissionen der beiden Parks überlagern – im Fachjargon auch „Interferenzen“. „Da kann man als Anwohner nur noch resignieren“, sagt Monika Oetje-Weber. Insbesondere seit im vergangenen Herbst zwei der sechs Kammersand-Windräder vom gedrosselten in den Volllast-Betrieb umgeschaltet wurden, sei die Situation unerträglich geworden, sagen die Anwohner.

Biogasanlage

Der Grund dafür: Eine benachbarte Biogasanlage, die bei den Planungen in die Immissionsberechnungen aufgenommen worden war, hatte deutlich weniger Lärm produziert als angenommen. Nur: „Den wirklichen Lärm produziert nicht die Anlage selbst, sondern der Liefer- und Ladeverkehr“, weiß Anwohnerin Sandra Tietjen. Schon das Piepen der Radlader, wenn sie rückwärts führen, sei nervtötend. Und das ständige Gerummse der Maschinen.

Die 39-Jährige ist in besonderem Maße betroffen, weil sie an der Lohhorster Straße das erste Haus auf Cloppenburger Gebiet bewohnt und man ihr die Windrad-Giganten in nur 600 Meter Entfernung vor die Nase gesetzt hat. Überdies steht besagte Biogas-Anlage direkt nebenan und der Windpark „Hübscher Berg“ ist in Sichtweite.

Sandra Tietjen und Mann Harald haben einiges durchgemacht, seit der Windpark Kammersand ans Netz gegangen ist.

Die gemütliche Sitzecke im Hinterhof ist unbrauchbar geworden, weil sich der Schall der Windräder darin fängt, die kleine Tochter kann nicht mehr im Garten spielen, die Pferde mussten abgeschafft werden. „Die sind nur noch im Kreis gelaufen, weil sie einfach nur noch weg wollten“, sagt Sandra Tietjen. Hinzu kommt, dass die Windräder aufgrund ihrer Höhe statt einer über zwei Befeuerungen (blinkende rote Signalleuchten) verfügen. „Die Dinger sind beleuchtet wie ein Weihnachtsbaum“, klagt Harald Tietjen. „Trotz Festverglasung und Jalousien ist an Nachtruhe kaum zu denken“, sagt der 48-Jährige, weil es ständig laut ist“.

Werte deutlich niedriger als zugelassen

Christoph Raming kann den ganzen Wirbel nicht verstehen: „Wir haben Langzeit-Nachmessungen über mehrere Wochen vorgenommen“, sagt er, „und natürlich sind auch die Fahrgeräusche aufgezeichnet worden. Der Fühler war im Bereich der Gasfackel angebracht. Die Werte waren deutlich niedriger als zugelassen.“ Es sei also gar nicht notwendig gewesen, die beiden Windräder zu drosseln. „Ich halte mich strikt an die gesetzlichen Vorgaben und übererfülle sie sogar“, so Raming weiter. Nullverschattung, Abstandsregelung.

Nur: Wie kann es sein, dass Windparks so dicht an die Wohnbebauung rücken können? „In Bayern gilt die Regel 10H“, sagt Matthias Elsner, Landesvorsitzender der Initiative „Vernunftkraft Niedersachsen“, „was bedeutet, dass der Mindestabstand das Zehnfache der Höhe der Windräder beträgt“. Das Land Niedersachsen stehe in diesem Kontext in einem besonders schlechten Licht da, weil hier die Grenze 2H gelte. Ein 200 Meter hohes Windrad darf also bis auf 400 Meter an die Wohnbebauung heranrücken.

Die Bürgerinitiative wirft dem Landkreis Cloppenburg als Genehmigungsbehörde in Sachen Schallmessung klammheimliche Rechentrickserei vor. „Hauptsache, die Profiteure freuen sich, wenn sich die Räder noch schneller drehen“, schimpft Bernhard Kohls.

Vieles haben die Windkraftgegner probiert: Sie haben sich beim Landkreis Cloppenburg über den Lärm beschwert, haben die körperlichen Erscheinungen, die aufgetreten sind, wie Herzprobleme, Übelkeit und Ohrendruck durch Vibrationen, dargelegt und um eine Schallmessung gebeten. Die Antwort des Landkreises: „(...) ist eine Abnahmemessung nicht erforderlich, wenn für den genehmigten Betrieb der Anlagen ausreichend schalltechnische Messberichte vorliegen“.

Umzug auf Campingplatz

„Wenn der Schall Schwingungen auf den Boden überträgt, können in Gebäuden Resonanzeffekte entstehen, die sich in den Räumen aufschaukeln“, erklärt Matthias Elsner, der eine TÜV- und Messpflicht für Windkraftanlagen fordert, anstatt die Wartung den Betreibern zu überlassen.

Die Mutter von Sandra Tietjen, Jutta Senft, ist 63 Jahre alt und hat inzwischen Konsequenzen aus der aussichtslosen Lage gezogen, weil sie es nicht mehr aushält. „Meine Mutter geht Ende April in Rente und hat sich schon einen festen Platz auf einem Campingplatz gesucht, um die Windräder nicht mehr hören zu müssen.“ Harald Tietjen formuliert, was am schlimmsten für die Betroffenen ist: „Man resigniert als Anwohner, weil man einfach nichts tun kann.“

Ingo Schmidt Redakteur / Redaktion Westerstede
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