Edewecht „Wie soll die Integration von Flüchtlingen geschehen, wenn man ganzen Familien mit bis zu sieben Personen schon seit zwei Jahren nicht mehr als ein Zimmer in einer kasernenartigen Sammelunterkunft zur Verfügung stellt?“, fragt Reinhold Wiehebrink, der in Edewecht bereits seit Jahren in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit tätig ist.

„Eine solche Sammelunterkunft mag für eine befristete Erstaufnahme von drei bis sechs Monaten geeignet sein, aber nicht für eine langfristige Unterbringung von Familien. Diese traumatisierten Menschen nach ihrer Flucht und all’ ihrem Leid so zu behandeln, ist unmenschlich. Nun stehen in einem neuen Mehrfamilienhaus der Ammerländer Wohnungsbau acht Wohnungen zur Verfügung, doch nur zwei sollen an Flüchtlinge vermietet werden. Das ist ein Skandal!“

Reinhold Wiehebrink ist wütend. Endlich, so hatte er gehofft, könnten einige Flüchtlingsfamilien in Edewechter Sozialwohnnungen umziehen. Denn die Ammerländer Wohnungsbau lässt in Edewecht auf dem Eckgrundstück Hauptstraße/Im Vieh, wo sich einst ein Gartendiscounter befand, drei Mehrfamilienhäuser mit 22 Wohnungen errichten. Ein Haus mit acht Wohnungen soll für Flüchtlinge bestimmt sein.

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So weist es die Baugenehmigung des Landkreises Ammerland aus, wie Heiko Kramer vom Amt für Umwelt, Bauen & Kreisentwicklung beim Landkreis, erläutert. „Die Baugenehmigung für diese Wohnanlage beinhaltet, dass acht Wohneinheiten für soziale Zwecke – Unterbringung von Flüchtlingen – geschaffen werden müssen“, sagt Kramer. Das sei auch aus bauplanungsrechtlichen Gründen notwendig.

„Bunte Mischung“

Ulrike Petruch, Geschäftsführerin der Ammerländer Wohnungsbau, sieht das scheinbar anders. Wie ihrem Schreiben an Reinhold Wiehebrink zu entnehmen ist, das der NWZ vorliegt, habe die Wohnungsbau eines dieser Häuser in Edewecht „aus baurechtlichen Gründen als ,Anlage für soziale Zwecke‘ deklariert“. Und weiter schreibt Petruch: „Diese Formulierung hat jedoch keinerlei Auswirkung auf die Belegung der Wohnungen, wie viele Interessenten meinen. Unser Ziel ist es an dieser Stelle wie an allen anderen Stellen des Ammerlandes auch, eine komplett ,bunte Mischung‘ von Mietern zu haben – und zwar unabhängig von Herkunft, Alter, Einkommen, Familienstand, Gesundheitszustand, Erwerbstätigkeit und und und.“

„Eine dezentrale Unterbringung von Geflüchteten trägt unserer Erfahrung nach zu einer gelungenen Integration und zu einem Miteinander bei“, heißt es in Petruchs Schreiben an den ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuer ferner. Der Gemeinde Edewecht habe die Wohnungsbau an zahlreichen Stellen geholfen, Geflüchteten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. „Eine kompakte Unterbringung nur einer Zielgruppe muss von vorneherein kommuniziert und langfristig begleitet werden... Eine Unterbringung von neun Flüchtlingsfamilien in 22 Wohnungen ist aus unserer Sicht und aus Sicht von Experten deshalb nicht zielführend. Aus diesem Grund können und werden wir Ihrem Wunsch nicht entsprechen, sondern eine 4- und eine 2-Raum-Wohnung an dieser Stelle zur Anmietung zur Verfügung stellen.“

Die Ammerländer Wohnungsbau, die dem Landkreis, den Ammerland-Gemeinden und Banken gehört, hält sich nicht an eine Baugenehmigung? Gegenüber der NWZ erklärt Petruch, dass der Druck auf dem Wohnungsmarkt in Edewecht sehr hoch sei. Gerade für Menschen mit geringem oder mittlerem Einkommen sei es schwer, in Edewecht eine Wohnung zu finden. Die Wohnungsbau wolle nun mit dem Landkreis das Gespräch suchen und sich dafür einsetzen, die acht Wohnungen für Flüchtlinge wegen besserer Integrationsmöglichkeiten nicht auf ein Gebäude zu beschränken, sondern auf alle drei Häuser zu verteilen. Ob Flüchtlingsfamilien tatsächlich in acht Sozialwohnungen des Gebäudekomplexes einziehen, bleibt abzuwarten.

Weitere Anzeigen

Beim Durchforsten von Immobilienangeboten ist Flüchtlingsbetreuer Wiehebrink im Internet kürzlich auf eine Anzeige der Ammerländer Wohnungsbau gestoßen, die für ihre Wohnungen in jenen Gebäudekomplex an der Hauptstraße noch immer Mieter sucht. „Mir ist Mitte Mai mitgeteilt worden, dass es über 200 Interessenten für die 22 Wohnungen gibt und dass Flüchtlinge nur zwei der acht dafür vorgesehenen Wohnungen erhalten können. Und dann werden noch Anzeigen geschaltet? Die Wohnungsbau will anscheinend nicht an die vorgeschriebene Zahl von Flüchtlingen vermieten.“

„Wir haben Mitte Mai schon über 200 Interessenten für die Wohnungen gehabt“, sagt Petruch. Die neuen Anzeigen seien „einfach eine Frage des Marketings“.

Doris Grove-Mittwede Redakteurin / Redaktion Westerstede
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