Wiefelstede Eigentlich hatte sie am 16. September ausrangierte Gardinen an Flüchtlinge weitergeben wollen, erzählt Edith Wiechmann. So kam sie an Familie Hussein. Die sechsköpfige Familie aus Syrien war am 14. September nach Wiefelstede gekommen. „Als ich ins Haus kam, da schliefen alle noch: Sie waren völlig erschöpft“, erinnert sich die Wiefelstederin. Die Flüchtlinge hatten nicht mal Bettbezüge. „Und als ich sah, was dort eben alles fehlte, da bin ich einfach geblieben,“ sagt sie. Seitdem kümmert sich die 73-Jährige regelmäßig um die Kinder Hassan (12) und Aysar (13), um Yamen (18), Amar (36), Mahmoud (45) und um Oma Amina (74) – als Familienpatin.

Auch Antje Gerdes-Welz wollte für Flüchtlinge irgendetwas tun, erzählt die Wiefel­stederin. Sie arbeitet als Personalsachbearbeiterin im Vareler St. Johannes-Hospital – viermal die Woche, dreimal davon halbtags. Dreimal die Woche gibt sie an diesen halben Arbeitstagen anschließend nun Deutschunterricht für die Kinder der Familie Hussein – obwohl sie keine Lehrerin ist. „Aber es klappt“, freut sich die Wiefelstederin nach sechs Wochen bereits über gute Erfolge. Was sie selbst nicht weiß, das recherchiert sie, vor allem in Internet. „Wenn ich beispielsweise Yamen erklären muss, was der Dativ ist“, lacht sie: „So lerne auch ich ständig dazu.“

Überblick für den Nordwesten: Hier können Sie Flüchtlingen helfen

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den Corona-Update-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Yamen hat in Syrien bereits sein Abitur geschafft, muss in Deutschland nicht mehr zur Schule gehen. Aber er will und muss Deutsch lernen, denn er will Medizin studieren. Auch sein Vater ist Arzt, seine Mutter Lehrerin. Beide sind noch in Syrien. In einer dreiköpfigen Gruppe von jungen Flüchtlingen, die alle schon das Abitur gemacht haben, lernt er deshalb fünfmal die Woche Deutsch, im SVE-Gebäude am Breeden. Hassan und Aysar gehen in Wiefelstede zur Schule, besuchen die Oberschule – wie weitere 13 Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen.

Was tun ehrenamtliche Familienpaten wie Edith Wiechmann und Anke Gerdes-Welz für die Flüchtlinge? „Erklären, wie die Mülltrennung in Deutschland funktioniert“, nennt Edith Wiechmann spontan ein Beispiel. Erklärt hat sie das auch der Familie Hussein. „Das ist wichtig“, sagt die 73-Jährige: „Das sind doch fast alles Männer“, lacht sie. Die Patin begleitet die Familie auch bei Behördengängen. Oder sie kocht mit ihnen und bringt ihnen dabei gleich die entsprechenden deutschen Begriffe bei. Und ist eben einfach da, wenn sie gebraucht wird.

Zur aktuellen Flüchtlingssituation in Deutschland haben beide Frauen ebenso wie die Wiefelsteder Integrationslostin Malu Sagemüller eine klare Meinung: Sie sind für einen Stopp des Flüchtlingszustroms nach Deutschland. „Aber wir müssen uns um die kümmern, die gekommen sind“, sagt Edith Wiechmann: „Vor allem die Kinder und Jugendlichen brauchen Aufmerksamkeit und eine Perspektive für die Zukunft, sonst driften sie uns weg.“ Schwieriger wird es, wenn es um den Familiennachzug geht. Elf Mitglieder der Familie Hussein sind noch in Syrien. „Vor allem die Kinder vermissen ihre Mütter“, weiß Edith Wiechmann um die Befindlichkeit Hassans und Aysars: „Sie leiden sehr.“ Alle drei Frauen erwarten im übrigen die Bereitschaft, sich zu integrieren. „Da muss oft viel erklärt werden“, sagt Anke Gerdes-Welz. „Und auch Erziehung ist nötig“, sagt Malu Segemüller.

Sie wäre froh, wenn sich mehr Paten finden würden. Interessenten dürfen gern im Begegnungscafé im Wiefelsteder Jugendhaus am Breeden vorbeischauen, das jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat um 18.30 Uhr seine Türen für Flüchtlinge und Einwohner der Gemeinde öffnet. Das Café werde gut angenommen, sagt die Integrationslotsin, bei der sich Interessenten für eine Patenschaft ebenfalls melden können: unter Telefon   04402/960 113 oder unter malu@sagemueller.de.

Edith Wiechmann jedenfalls „hätte nie gedacht, dass ich das alles überhaupt kann“, erzählt sie: „Aber die Familie Hussein macht es mir leicht.“ Und: „Man bekommt ja auch viel zurück: Für Amar etwa bin ich schon Mama Edith.“

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.