Rastede Es stimmte Robert Frerichs traurig, als im vergangenen Jahr das alte Sägewerk an der Mühlenstraße im Rasteder Ortskern Stück für Stück aus dem Ortsbild verschwand. 24 Jahre hatte er als Kind und junger Mann in einer Mietwohnung auf dem Gelände gelebt – von 1936 bis 1960.

Sägewerk Brötje prägte 140 Jahre Rastedes Ortsbild an der Mühlenstraße

Das Sägewerk Heinrich Brötje prägte 140 Jahre – von 1875 bis 2015 – das Ortsbild Rastedes an der Mühlenstraße. Zuletzt hatte Oltmann Brötje den Betrieb geleitet. Da sich kein Nachfolger fand, verkaufte er das Grundstück. Nach dem Abriss der alten Sägerei-Gebäude im März 2016 wurde noch im vergangenen Jahr mit dem Bau von vier Mehrfamilienhäusern begonnen. Die ersten beiden Gebäude sollen in diesem Jahr bezugsfertig sein, die anderen beiden im kommenden Jahr.

1875 gründete Heinrich Brötje mit finanzieller Unterstützung seiner Mutter eine Tischlerei. Er erweiterte sein Elternhaus um Werkstatt und Möbelmagazin und baute in den folgenden Jahren einen großen Betrieb für Tischler-, Säge-, Holzbiegearbeiten und Möbel auf, heißt es im Rasteder Archivboten Nr. 19. Brötje errichtete außerdem eine Dampfmühle/Getreidemühle.

1935 übernahm Hermann Brötje nach dem Tod seines Vaters den Betrieb. Er war schon früh mit allen Aufgabenbereichen vertraut gemacht worden, war seinem Vater zur Hand gegangen und hatte immer mehr die Leitung des Holzbetriebs übernommen.

1981 wurde Oltmann Brötje Leiter des Sägewerks. Er reagierte auf die Veränderungen in der Holzindustrie. Zuletzt fertigte er rustikale Gartenmöbel, Landhaustore, Gartenbrücken, Eichenholzzäune und dampfgebogene Massivholzteile für Sitzmöbel.

Als im Frühjahr 2016 erst die Hallen, dann der markante grüne Kran und schließlich der hohe Schornstein abgerissen wurden, war Frerichs dabei – mit Fotoapparat und Videokamera. Seitdem arbeitete der heute 82-Jährige an einer Bild- und Video-Dokumentation über das ehemalige Sägewerk Brötje.

Zeitaufwendige Arbeit

„Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie viele Stunden ich damit beschäftigt war“, sagt Frerichs und fügt an: „Aber es war sehr zeitaufwendig.“

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Inzwischen ist die Dokumentation mit dem Titel „Jetzt bleibt nur noch die Erinnerung“ fertig, und sie bietet weit mehr als die Videoaufnahmen vom Abriss der Sägerei. „Nach langer Puzzlearbeit ist eine 40-minütige Bild- und Videobetrachtung der Geschichte des Sägewerks über drei Generationen entstanden“, sagt Frerichs.

Für die Recherche stöberte der Rasteder im Gemeindearchiv, rief seine eigenen Kindheitserinnerungen wieder hervor und sprach mit Oltmann Brötje, dem letzten Leiter des Sägewerks. Er erhielt Einblick in das Wanderbuch des Sägerei-Gründers Heinrich Brötje und in viele weitere historische Dokumente.

Karton voller Privatfotos

„Von Oltmann Brötje habe ich einen Karton voll mit Privatalben der Familie bekommen, den ich mit nach Hause nehmen durfte“, erzählt Frerichs. „Das war für mich ein großer Vertrauensbeweis.“

Mehr als 200 Bilder verarbeitete der 82-Jährige in seiner Dokumentation. „Beim Scannen und Bearbeiten von Bild- und Videomaterial ist es an manchen Abenden auch schon mal etwas später geworden, so dass meine Ehefrau Anneliese zur Nachtruhe mahnte“, sagt Frerichs. Seine Ehefrau nickt zustimmend und sagt schmunzelnd: „Da vergisst er die Zeit.“

Frerichs Dokumentation beginnt mit dem Sägewerk-Gründer Heinrich Brötje, der von 1849 bis 1935 lebte und das Werk 1875 aufbaute. Sie zeigt Schwarz-Weiß-Fotos des alten Werksgeländes, auf dem mittlerweile der Bau des Wohnquartiers „Alte Sägerei“ mit hochwertigen Eigentumswohnungen in vier Gebäuden vorangetrieben wird.

Der Film zeigt, wie die Sägerei aufblühte und unter Hermann Brötje (1902-1981), der das Werk 1935 übernahm, immer weiter wuchs. „Zuletzt waren wir nur noch von Holz umringt“, erinnert sich Frerichs.

Ab 1936 war er bei seiner Großmutter aufgewachsen, die auf dem Sägewerksgelände eine Mietwohnung hatte. Zwischen den großen Holzstapeln spielte er mit den anderen Kinder von der Mühlenstraße oft Verstecken. Von Hermann Brötje hagelte es da auch schon mal Schimpfe, sagt Frerichs.

„Blumen Anna“

Die Mietwohnung seiner Großmutter, die von allen nur „Blumen Anna“ gerufen wurde, befand sich dort, wo heute die Firma Borchardt am Friedhofsweg ihre Steinmetzwerkstatt betreibt. In der kleinen Wohnung, die nur über ein Plumpsklo verfügte, lebte Frerichs noch bis 1960 zusammen mit Ehefrau Anneliese, die er 1956 geheiratet hatte.

Hermann Brötje, der zu dieser Zeit das Sägewerk führte, war es auch, der die Dampfbiegung beim Möbelbau einführte. „Das Biegen von Holz mit Dampf war eine Spezialität von Brötje“, sagt Frerichs. Unter anderem wurden Schnittholz für den Schiffsbau und für Eichenparkett, Bahnschwellen, dampfgebogene Holzteile für Wagenräder und Karosserien der Lloydwagen, Ausstattungen für Kühlwagen und Schlitten hergestellt, heißt es im Rasteder Archivboten, der sich im Jahr 2015 ausführlich mit der Geschichte des Sägewerks beschäftigte.

Als 1981 Oltmann Brötje die Nachfolge antrat, war die Situation der holzverarbeitenden Betriebe schwieriger geworden. Die Konkurrenz war größer geworden, Brötje verlagerte den Schwerpunkt auf Privatkunden. Weil es keinen Nachfolger für das Werk gab, stellte Brötje den Betrieb 2015 ein.

Die letzten Tage des traditionsreichen Betriebes begleitete Frerichs dann mit seiner Kamera. Er filmte, wie die alte Dampfmaschine geborgen wurde, wie die Hallen abgerissen wurden und wie der Schornstein fiel. „Meine Dokumentation soll zur Erinnerung der nachfolgenden Generationen an das ehemalige Sägewerk Brötje beitragen“, sagt er.

Zum Verkauf will er den Film nicht anbieten. Frerichs möchte ihn aber gerne bei Seniorentreffen zeigen. Auch das Gemeindearchiv erhielt eine Kopie. Und natürlich Oltmann Brötje, der letzte Inhaber des Sägewerks.

Frank Jacob Rastede/Wiefelstede / Redaktion Rastede
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