RASTEDE Die ersten bundesrepublikanischen Jahre sind eng verknüpft mit dem „Wirtschaftswunder“. Davor jedoch gab es eine Zeit, in der „Wirtschaft“ hauptsächlich aus Tauschhandel und Schwarzmarkt bestand. In den ersten Nachkriegsjahren waren Lebensmittel knapp, nur gegen Lebensmittelmarken und in geringen Mengen legal in Geschäften erhältlich. Viele Güter des täglichen Bedarfs und dem natürlichen Verschleiß unterworfene Dinge wie Textilien, Haushalts- und Gebrauchsgegenstände waren zur Mangelware geworden. Bei dem heutigen Überangebot kaum vorstellbar: es gab einfach nichts.

„Fahrradschläuche und -decken ersetzte man durch Hartgummi. Und als es das nicht mehr gab, wurden die Felgen mit Lumpen umwickelt, die für nichts anderes mehr zu gebrauchen waren", erinnert sich der Rasteder Claus Behrens. Wo Improvisationstalent nicht ausreichte, war Notwendiges nur im Tausch gegen andere begehrte Sachen zu bekommen.

Als Sohn des Kaufmanns Friedrich Behrens, der an der Friedrichstraße in Rastede ein „Gemischtwarengeschäft“ mit Lebensmitteln, Kurzwaren und Haushaltsgeräten betrieb, begann Claus Behrens im Februar 1946 als 16-Jähriger eine kaufmännische Lehre in einem Lebensmittelgeschäft in Oldenburg. Seine von daher noch sehr detaillierten Erinnerungen an die Zeit des Schwarzmarktes hat er auf Drängen seiner Tochter und Enkelin schriftlich festgehalten: „Das Brennmaterial war so knapp, dass nur die Küche geheizt werden konnte. Bei bis zu minus 10 Grad im Laden hatten wir einen Topf mit warmen Wasser stehen, in das wir unsere Hände eintauchten.“ Die über die Lebensmittelkarten zugeteilten Rationen reichten nicht zum Leben. „Auf dem Schwarzmarkt, beispielsweise gegenüber dem Pferdemarkt beim Cafehaus Chiamulera, wurde getauscht und wenn mit Geld bezahlt, dann zu hohen Preisen. 250g Butter auf Marken kosteten 1,45 Mark, die gleiche Menge auf dem Schwarzmarkt 180 Mark.“

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den Corona-Update-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Und noch weitere „Schwarzmarktkurse“ sind Claus Behrens in Erinnerung: 500g Hefe = 1 Flasche Rübenschnaps, für die wiederum gab es ein halbes Pfund Butter, 1 Fahrradschlauch kostete 1 Zentner Kartoffeln (1946 die Jahresration pro Person). Mit Hilfe des Verkehrspolizisten Waldemar, der gerne auch Kontakte unter den Tauschpartnern regelte, konnte auch eine „Tommy-Hose“ für den Vetter vom Land besorgt werden. Stolzer Preis waren 600 Mark und 1 kg Speck.

„Mein Lehrherr hatte eine Familie mit vier Enkelkindern zu versorgen. Da war es kein Wunder, dass die so genannten eisernen Bestände, die den Lebensmittelläden zugeteilt waren, angegriffen wurden. Als eine Kontrolle vom Ernährungsamt anstand, war mein Chef in Nöten. Er wusste natürlich, dass ich Kontakte zum schwarzen Markt hatte und fragte, ob ich ihm Butter und Nährmittelmarken besorgen könne", hält der heute 79-Jährige in seinen Aufzeichnungen fest. Der Schwiegersohn des Chefs hatte Kontakt zu einer Hefefabrik und besorgte einige Pakete Hefe. Claus Behrens tauschte dieselben bei Schwarzbrennern gegen Rübenschnaps. Dazu brauchte es wiederum Flaschen, die der Chef noch im Keller fand. Für zwei leere Flaschen gab es eine volle. „Ich zog einige Male mit meinem Rübenschnaps über den Markt und mein Chef war gerettet. Dass ich auch von dem Handel profitiert habe, will ich nicht leugnen“, gesteht Claus Behrens ganz selbstverständlich zu. So waren die Zeiten eben. Bis zur Währungsreform

hatte er nach eigenen Angaben „mit solchen und anderen Schwarzmarktgeschäften 10 000 Reichsmark angesammelt“.

„Dann wurden mein Vater und ich von der Gemeinde für den 20. Juni 1948 zu einem „Hilfsdienst“ in ehemaligen Rasteder Hof bei Brüggemann eingeteilt. Es konnte sich nur um die streng geheim gehaltene Währungsreform handeln!

(wird fortgesetzt)

NWZ-Spezial unter www.NWZonline.de/jahrestage2009

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.