Westerstede Der Anschlag auf die Synagoge in Halle macht sie betroffen, ein wenig ratlos und vor allem sehr traurig: „Die Vorstellung, dass ein solcher Anschlag in Deutschland wieder möglich ist, ist grausam und verdeutlicht, dass wir stärker an einem Miteinander arbeiten müssen“, sagt Hilke Hinrichs als Vertreterin des Bürgermeisters.

Seit vielen Jahren arbeite die Stadt Westerstede an der Aufarbeitung der Judenverfolgung im Dritten Reich: In Westerstede lebten 1933 acht jüdische Familien mit 33 Angehörigen – sie flüchteten unter anderem nach Südamerika. „Wir haben uns damals nicht mit Ruhm bekleckert, aber stellen uns der Vergangenheit. Es geht nicht darum, zu vergessen, sondern aufzuarbeiten“ bringt es Hinrichs auf den Punkt. In Westerstede habe sich in den vergangenen Jahrzehnten im Umgang mit Antisemitismus viel verändert. Die Menschen setzten sich bewusst mit dem Thema auseinander, das spiegele auch der alljährliche Gedenkgang der Westersteder zur Reichspogromnacht wider – ausgelöst durch die Schändung des jüdischen Friedhofs 2008. Jedes Jahr aufs Neue organisiert die Schüler-Initiative „Gegen das Vergessen“ den Gedenkgang. Auch in Rastede engagieren sich Schüler an der Kooperativen Gesamtschule seit Jahren in der AG „Für den Frieden“ und setzen sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus ein.

Aktionen, die weit über die Grenzen des Ammerlandes hinausstrahlen: So hat Hinrichs mehr oder minder durch Zufall vor einigen Jahren Kontakt zu den Nachfahren der Familie Pollak geknüpft, deren jüdischen Familienwurzeln bis in die 1930er Jahre in Westerstede zurückreichen. Noch immer verfolgen sie aus dem Ausland, wie sich Westerstede im Antisemitismus aufstellt. Zu diesem Familienstammbaum zählt auch Olec Mün. Der argentinische Musiker besucht bereits am 6. November Westerstede, um auszuloten, ob er sein Werk „Reconciliation“, zu Deutsch „Versöhnung“, in Westerstede uraufführen kann, um es anschließend in ganz Europa vorzuspielen.

Die Geschichte dahinter: Müns jüdischen Vorfahren, zu denen neben der Familie Pollak auch die Familie Strauß zählt, lebten in den 1930er Jahren in Westerstede und mussten vor dem Nazi-Regime fliehen. In Argentinien fanden sie ein neues Zuhause und kehrten Deutschland für immer den Rücken. Dort lernten sich auch Müns Eltern kennen. Der Musiker ist der erste aus der Familie, der wieder einen Fuß auf europäischen Boden setzte und zurzeit in Barcelona lebt. „Reconciliation“ ist gewissermaßen die musikalische Aufarbeitung seiner Familiengeschichte – und diese Versöhnung beginnt eben in Westerstede. „Das ist meine Art und Weise, die Wunden zu heilen, die der Krieg meiner Familie und mir zugefügt hat“, beschreibt Mün sein Projekt auf seiner Homepage. „Wir sehen das mit Blick auf den Vorfall in Halle als ein besonderes Zeichen und würden uns freuen, wenn Mün seine Kompositionen in der Heimatstadt seiner Vorfahren uraufführen würde“, so Hinrichs. Noch stünde man aber am Anfang der Verhandlungen, nach dem 6. November wisse man mehr.

Dass im Zuge des antisemitischen Attentats Stimmen im Landkreis laut werden, die erneut verlangen, die NS-Symbole an der Decke der Grundschule Ocholt zu entfernen, liegt auf der Hand. Die stellvertretende Bürgermeisterin zeigt durchaus Verständnis für diese Haltung, gibt aber auch zu bedenken, „dass ein Topf Farbe nicht ausreicht, um Antisemitismus aufzuarbeiten. Wir wollen ja nicht vergessen, sondern Denkanstöße geben“, so Hinrichs.

Katja Lüers Redakteurin / Redaktion Westerstede
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