Neuenkruge /Metjendorf Mit dem Fahrrad flohen Dieter Lüdken und seine Mutter im März 1945 aus Reckenfeld bei Münster, kamen 24 Stunden später in Neuenkruge an. Dort lebte seine Großmutter in einem Haus an der Bremerstraße. Dieter Lüdken war damals acht. Zwei Schwestern seines Vaters, der am 6. Juni 1944 bei der Invasion der Alliierten in der Normandie in Kriegsgefangenschaft gekommen war, begleiteten Mutter und Sohn, denn in der alten Heimat war es zu gefährlich geworden. „Die Fahrt war eine einzige Strapaze“, erinnert sich Lüdken, der bis 1959 in Neuenkruge lebte und dann zunächst nach Bloh und 1963 in sein eigenes Haus in Metjendorf zog. Dort lebt er noch heute mit Frau Margrit.

Tieffliegerangriffe

Die Fahrt mit dem Fahrrad begann mitten in der Nacht. „Bei Tieffliegerangriffen flüchteten wir in Gräben und Wälder. An einem zerschossenen Milchwagen – die toten Pferde lagen noch auf der Straße – bekamen wir etwas Milch.“ Kurz nach Mitternacht erreichten die Radler Neuenkruge. Dort erlebte Lüdken auch den letzten Bombenangriff der Alliierten auf den Flugplatz in Rostrup am 24. März 1945 mit. „160 Bomber kamen von Osten, waren wohl zunächst der Weser gefolgt und öffneten ihre Bombenklappen über Neuenkruge“, hat Lüdken später recherchiert. Er erinnert sich daran, dass zweimal in jener Zeit Zwangsarbeiter – begleitet von bewaffneten Zivilisten – durch Neuenkruge Richtung Bad Zwischenahn geführt wurden. „Meine Großmutter wollte ihnen zu trinken geben, die Begleiter ließen das jedoch nicht zu,“ berichtet er. Am 1. und 2. Mai 1945 zogen noch vereinzelt deutsche Soldaten durch den Ort Richtung Osten – zerlumpt, teilweise verwundet, die Ausrüstung auf Handwagen und Schiebkarren. Der Feind kam am Vormittag des 3. Mai.

Die Kanadier rückten mit Panzern und anderen Fahrzeugen vor. „Mein erster ,Feindkontakt’ fand in der Küche meiner Großmutter statt“, erzählt Lüdken. Ein schwer bewaffneter Soldat kam durch den Hintereingang ins Haus. Er war schwarz. „Ich drückte mich an meine Mutter und schrie aus Leibeskräften“, beschreibt Lüdken seine erste Reaktion. „Der Soldat lachte und holte eine Tafel Schokolade aus seiner Uniformjacke. „Er wollte mit ein Stück davon geben, ich kannte Schokolade aber nicht und wollte sie auch nicht nehmen“, muss Lüdken heute lachen. „Er nahm sie dann doch, aber sie schmeckte ihm nicht: Es war Bitterschokolade.

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Nie gehungert

Gehungert hat Dieter Lüdken in jener Zeit nie, sagt er. Aber noch lange nach Kriegsende ist er neun Monate im Jahr barfuß zur Schule in Neuenkruge gelaufen, um Schuhe zu sparen: „Es gab ja nichts.“

1945 kamen auch die Flüchtlinge – Deutsche aus dem Osten. „Sie kamen in Rastede am Bahnhof an und wurden gleich weitertransportiert – auch nach Neuenkruge“, erinnert sich Lüdken an zwei Flüchtlingsfamilien, die dem Haus seiner Großmutter zugewiesen wurden. „Die Familien lebten jahrelang bei uns“, berichtet er von beengtem Wohnen in einem Haus ohne Bad, ohne warmes Wasser, ohne Strom und Kanalisation. Draußen auf dem Hof stand ein Plumpsklo,“ zeigt er die damalige Situation auf. „Den Erwachsenen waren die Flüchtlinge nicht immer willkommen“, weist Lüdken auf eine damals weit verbreitete Haltung hin: „Wir aber spielten gern mit ihren Kindern.“ Lüdken erinnert sich auch an jene Flüchtlinge, die in Baracken am alten Postweg/Ecke Westerholtsfelder Straße untergebracht waren – dort, wo der alte Sportplatz war: „Nur Frauen und Kinder, die Männer waren ja alle weg.“ Wie sein Vater, der erst 1947 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte.

Schlimmeres verhindert

Dass Neuenkruge bei der Ankunft der Kanadier nicht Schlimmeres erlebt hat, ist nach seinen Angaben auch dem damaligen Lehrer Bernhard Ahlers und dem Land- und Gastwirt Georg Reins („Timperkrug“) zu verdanken. Die waren mit weißer Flagge zu den Kanadiern geradelt und hatten ihnen klar gemacht, dass keine deutschen Soldaten mehr im Ort waren. Das hätten die Kanadier durchaus vermuten können, denn eine Panzersperre am alten Postweg in der Nähe des „Timberkrugs“ war von den Deutschen noch geschlossen worden.

Dem Ort blieb Lüdken über den Neuenkruger Turnerbund bis heute treu, war Vorsitzender und ist nun Ehrenvorsitzender. Und auch wenn er vieles aus damaliger Zeit später recherchiert hat; an die Erlebnisse seiner Kindheit erinnert sich der 78-Jährige gut. „So etwas vergisst man schließlich nicht,“ sagt der Metjendorfer.

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