Wiefelstede /Oldenburg Vier Tage in einem Güterzug, vollgestopft mit Menschen. Nichts zu trinken, keine Toiletten, kaum etwas zu essen. Vier Tage verschlossene Waggontüren, Verwundete im Zug – Menschen, die auf der Flucht zwischen die Fronten geraten waren. „Es war bitterkalt Anfang 1945“, erinnert sich die Oldenburgerin Hannelore Begerow an Temperaturen von minus 28 Grad. Sie war 14, als sie mit ihrer Mutter Hanna, ihrer Großmutter und ihren drei jüngeren Geschwistern aus Westpreußen fliehen musste. Zuletzt eben im Zug – bis nach Rastede. Von dort ging es nach Wiefelstede.

Flucht am 19. Januar ’45

Der Vater war nicht dabei: Er hatte sich in Kulm an der Weichsel, wo die Familie gelebt hatte, am 12. Januar 1945 zum Volkssturm melden müssen. Am 19. Januar begann die Flucht der Familie vor den anrückenden Russen. Den Vater sah Hannelore Begerow nie wieder.

Die heute 84-Jährige hat ihre Erlebnisse erst gut 50 Jahre später akribisch niedergeschrieben. Bis zum Herbst 1945 lebt sie ganztägig in Wiefelstede. Als sie dann in Oldenburg zur Schule geht, wohnt sie auch dort. In Wiefelstede war die Familie in einem Bauernhaus untergekommen. „Dort, wo an der Hauptstraße heute Kossendeys Gesundheitshaus steht“, erinnert sich Hannelore Begerow noch ganz genau. „Die meisten anderen Flüchtlinge wohnten viel schlechter, gingen durch die Wohnung ihrer Wirtsleute, wenn sie in ihr Zimmer wollten“, schreibt sie: „Sie mussten meist auch deren Küche benutzen. Fast alle spürten, wie lästig sie waren.“ Sie erlebt mit, wie die Engländer Wiefelstede einnehmen und auch Kanadier kommen.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den Corona-Update-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Häuser brennen

Pfingstsonntag 1945 müssen alle Einwohner auf dem Esch bei Ripkens Hof antreten. Zehn deutsche Männer sollen erschossen werden, weil jemand eine Handgranate in eine Panzerluke geworfen haben soll: Ein Soldat soll verletzt sein. Pastor Kloppenburg verhandelt mit einem britischen Offizier. Erst sollen dann fünf Männer erschossen, später stattdessen zunächst zehn, dann fünf Häuser zerstört werden. Letztlich brennen vier. „Die Bewohner hatten nur zwei Stunden Zeit für die Räumung gehabt“, schreibt die Oldenburgerin. Ein paar Tage später ist der Krieg zu Ende.

Um ein Konfirmationskleid auf Bezugsschein zu bekommen, müssen die 14-Jährige und ihre Mutter Hanna die sieben Kilometer nach Rastede und wieder zurück laufen. „Hanna hatte ganz geschwollene Beine“, schreibt die Oldenburgerin.

Auch nach Kriegsende wird es mit dem Hungern immer schlimmer. „Nie hätte ich gedacht, dass ich in Fischöl gebratene Kartoffeln runterkriegen würde,“ heißt es weiter. Als die Familie mitbekommt, dass manche Bauern noch ein Ei für vier Mark verkaufen, läuft sie mit Bruder Dieter auf gut 20 Kilometern die Höfe ab: Ein Ei bekommen sie nicht. Erst beim letzten Hof schenkt die Bäuerin ihnen gleich zwei. Geld will sie dafür nicht.

Immer wieder kommen Männer aus dem Dorf aus dem Krieg nach Hause. Die Hoffnung, der Vater könnte dabei sein, erfüllt sich nicht. Erst 1973 erfährt die Familie vom Deutschen Roten Kreuz: Der Vater muss gefallen sein.

Auch Bruder Wolfgang stirbt – in Wiefelstede. „Diphtherie“, weiß Hannelore Begerow: An einem schönen Septembertag 1945 wird er auf dem Wiefelsteder Friedhof begraben.

Hannelore Begerow wird später Lehrerin in Oldenburg, die letzten sechs Jahre ihres Berufslebens bis 1992 ist sie didaktische Leiterin der KGS Rastede. Sie hat auch einen Oldenburg-Krimi geschrieben und veröffentlicht: „Die Mäusemelker“. Ihre Erinnerungen, für die sie auch mit dem bereits verstorbenen Wiefelsteder Fritz Gerdes bezüglich einiger Details Kontakt aufgenommen hatte, wollte sie eigentlich veröffentlichen, mittlerweile jedoch hat sie diese Absicht aufgegeben. „Das Drumherum wird mir einfach zu viel“, sagt sie heute.

Eine wahre Heldin

Einen Titel hatte sie dem Manuskript jedoch schon gegeben: „Hanna mit der Hand“. „Meine Mutter hatte eine verkrüppelte Hand, sie war als Kind in eine Säge geraten“, erzählt sie. Für Hannelore Begerow war auch ihre Mutter, die sich mit den Kindern in all den Jahren allein durchschlagen musste, eine wahre Heldin – „wie die meisten Frauen damals.“

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.