Rastede /Bekhausen Wenn’s schlecht läuft, dann richtig. So wie am Donnerstag für einen 60-jährigen Landwirt aus Rastede. Erst muss er den Verlust eines Kalbes verschmerzen, dann fährt er sich auf der Weide die Stoßstange seines silbergrauen Passats kaputt, und auf dem Weg in die Werkstatt heißt es „Halt, Polizei – mit 30 Euro sind Sie dabei!“.

„Heute ist nicht mein Tag“, sagt der Mann und steigt mit den Gummistiefeln voraus aus seinem Auto, unter dem noch das Gras von der Weide hängt. Der Landwirt, der seinen Namen nicht nennen möchte, ist einer von tausenden Verkehrsteilnehmern, die von Donnerstagmorgen, 6 Uhr, bis Freitagmorgen, 6 Uhr, während des ersten bundesweiten Blitzmarathons kontrolliert und verwarnt wurden. Bei der 24-Stunden-Aktion sind allein in Niedersachsen Polizei und Kommunen an 459 Messorten im Einsatz. „Mit diesem 24-Stunden-Blitzmarathon wollen wir alle Verkehrsteilnehmer, vom Pendler über den Motorradfahrer bis zum Fahranfänger, gerade zum Start in den Herbst noch einmal intensiv auf die Gefahren von zu hohem Tempo hinweisen“, betont Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius. Von der Aktion sind maßgeblich Landstraßen betroffen, da gerade außerhalb der Städte und Ortschaften in Niedersachsen 70 Prozent aller Verkehrsunfälle mit Todesopfern geschehen.

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Eine Tatsache, die nicht nur auf Niedersachsen, sondern auch auf den Bezirk der Polizeidirektion Oldenburg mit ihren sieben Inspektionen in Diepholz, Cuxhaven/Wesermarsch, Cloppenburg/Vechta, Delmenhorst/Oldenburg-Land, Oldenburg-Stadt/Ammerland, Verden/Osterholz und Wilhelmshaven/Friesland zutrifft. Nach den Worten von Dieter Buskohl, Vizepräsident der Polizeidirektion Oldenburg, hat es alleine 2012 im Direktionsbezirk mit seinen rund 1,7 Millionen Einwohnern 115 Verkehrstote gegeben. Und auch wenn dieses Jahr noch nicht ganz rum ist, so zeichnet sich laut Buskohl schon eine leichte Steigerung der Verkehrstoten ab.

Brisanter Punkt

Einen hatte es im Juni dieses Jahres auf der Wilhelmshavener Straße (L 825) in Bekhausen gegeben. Hier kam ein Motorradfahrer ums Leben, den ein Autofahrer übersehen hatte. „Das ist ein brisanter Punkt. Hier kracht es ständig“, weiß Jens Hinrichs, stellvertretender Pressesprecher der Polizeiinspektion Oldenburg-Stand/Ammerland. Daher ist der Punkt auch als Messstelle ausgewählt worden. „Wo gemessen wird, unterliegt keiner Willkür, sondern wir schauen uns im Vorfeld sehr genau die Unfallstatistiken an und stellen uns dorthin, wo Unfallschwerpunkte sind“, erläutert Jennifer Koch, Pressesprecherin der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land.

In Rastede an der Ecke Bekhauser Esch, hier ist maximal Tempo 50 erlaubt, steht am Donnerstag ein dunkelblauer VW-Bus. Anwohnerin Marliese Büsing freut sich über die Polizeikontrolle vor ihrer Küchentür. „Wenn es was helfen würde, wäre das ja gut“, sagt die 69-Jährige, die sich gerade gebratenen Schinken mit Sahnesoße zum Mittag kocht. Noch mehr würde die ältere Dame sich aber freuen, wenn die Kontrolle besonders im Sommer an den Wochenenden wiederholt werden würde. „Dann ist hier viel mehr los, wenn alle zum Beach-Club wollen. Dann wird hier ganz schön gerast, besonders Motorräder sausen dann hier durch, das glauben Sie nicht“, berichtet die Senioren, die an einer Zufahrtsstraße zum beliebten Badesee mit großem Strand in Nethen wohnt.

Citroën im Visier

Während Marliese Büsing langsam ihren Tisch fürs Mittagessen deckt, setzt der Polizeibeamte Stefan Reier im VW-Bus die „Riegl FG 21P“ wieder an und nimmt einen Citroën ins Visier. Die Laserpistole misst die Geschwindigkeit von Fahrzeugen zwischen einem Mindestabstand von 30 Metern bis zu 1000 Metern. Mit 67 Stundenkilometern wird Gerd Griebenow gemessen. Eigentlich war der 72-Jährige mit seiner Frau gerade auf dem Weg zur Landschlachterei. Doch seine ersten 20 Euro wird er per EC-Karte schon auf dem Weg zum Einkaufen los. „Ich bin absolut kein Raser. Ich fahre seit 50 Jahren Auto und habe noch keinen einzigen Punkt“, beteuert der Senior, nimmt´s mit Humor und freut sich angesichts des Medienrummels bei der Kontrolle: „Jetzt werde ich auch noch berühmt.“

Wieder setzt der Beamte Reier das Lasergerät an. Sein Kollege Ingo Borne winkt einen Golf-Fahrer heraus. Doch das war nicht derjenige, der als zu schnell gemessen wurde. „Wir haben den Falschen“, ruft Borne und Reier erklärt das Versehen: „Das war eine Schlange von Fahrzeugen. Der Vorletzte hätte es sein sollen, wir hatten den falschen Fahrer rausgewunken. Auch das kommt vor.“

Polizei hofft auf Wirkung

Polizei-Vizepräsident Dieter Buskohl beobachtet das Geschehen, blickt seinen Beamten über die Schulter und erläutert den zahlreichen Journalisten immer wieder, wie wichtig eine solche Aktion ist. „Wir wollen, dass die Verkehrsteilnehmer sich mit dem Thema zu schnelles Fahren auseinandersetzen und haben die Hoffnung, dass die Aktion nachhaltig wirkt. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, meint Buskohl und kündigt an, dass die Polizeidirektion Oldenburg nicht nur wieder bei solchen großangelegten Aktionen am Ball bleiben wird, sondern auch im Kleinen mit so genannten Geschwindigkeitsmesswochen der einzelnen Polizeiinspektionen das Thema immer wieder in Köpfe der Autofahrer und anderer Verkehrsteilnehmer holen werde. „Denn ich weiß, wie furchtbar die schweren Folgen von Raser-Unfällen sein können und wie schlimm es ist, Familien Todesnachrichten überbringen zu müssen“, sagt Buskohl. Hinzu komme, dass Raser ja nicht nur ihr eigenes, sondern immer auch das Leben anderer gefährdeten.

„Erfreulicherweise sind bisher nur wenige Verstöße festgestellt worden“, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums am Donnerstagnachmittag in Hannover. Die Autofahrer hielten sich überwiegend an die vorgegebenen Geschwindigkeiten. Das sei vermutlich auch auf die Berichterstattung über den Blitzmarathon zurückzuführen. Insgesamt bremsen knapp 15 000 Polizisten an mehr als 8600 Kontrollstellen Raser aus. Die Innenministerkonferenz hatte die Aktion im Mai beschlossen. Alle 16 Bundesländer beteiligen sich. Die Idee stammt aus Nordrhein-Westfalen, wo schon viermal landesweit kontrolliert wurde.

Im Bezirk der Polizeidirektion Oldenburg gibt´s über 140 Messstellen, rund 200 Beamte sind im Einsatz. Ein Aufwand, der am Donnerstag auch einer Citroën-Fahrerin zum Verhängnis wurde. Auf dem Weg zu Ikea fährt sie guter Dinge auf der gut ausgebauten Wilhelmshavener Straße – bis Ingo Borne die Kelle hebt und sie rauswinkt. 64 Stundenkilometer hatte Kollege Reier gemessen, drei Stundenkilometer werden als Toleranz immer abgezogen, bleiben 11 km/h drüber, macht 20 Euro Verwarngeld, die die Mutter vermutlich mit ihrer Tochter lieber bei Ikea gelassen hätte. „Nicht mehr ganz so flott“, redet der Beamte Borne seinen „Opfern“ ins Gewissen und gibt seinem Kollegen Reier ein Zeichen, der die Laserpistole wieder ansetzt und einen Sprinter mit gerade mal 37 Stundenkilometern misst – der Fahrer hatte die Lage frühzeitig erkannt, den Fuß vom Gas genommen und die Kontrollstelle lächelnd passiert.

Eine Bilanz der Aktion hat die Polizei für diesen Freitag angekündigt.


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Lars Laue Korrespondent / Redaktion Hannover
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