Wiefelstede Klar und deutlich Stopp sagen können, das müssen Kinder meist erst lernen. In einem Projekt haben die Grundschüler aus Wiefelstede nun die Gelegenheit dazu. Aber auch die Eltern und die Lehrer müssen ran.

In der Turnhalle zeigt Sportwissenschaftler Stephan Hansen den Schülern viele konkrete Übungen, wie sie sich verhalten können, wenn sie etwas nicht wollen. „Wenn euch zum Beispiel jemand damit nervt, dass er euch ständig am Arm tickt, dann könnt ihr einfach die Hand fangen, sie abgleiten lassen und einen Schritt zurück gehen“, bringt er den Erstklässlern bei. Ganz wichtig sei neben einer klaren Körperhaltung auch, die Stimme dazuzunehmen: Ein kräftiges „Hör auf“ üben die Kinder gemeinsam im Chor.

Dann holt Hansen eine grüne Drachen-Puppe heraus –  Drako. Mit dieser verdeutlicht er in mehreren Szenarien, wann und wie die Kinder Stopp sagen können. „Drako, zieh bitte nicht an meinen Haaren“, sagt die Schülerin Eashe. Zwei Verwarnungen gibt es jeweils, „beim nächsten mal gehts zur Lehrerin“, macht Hansen den Schülern klar. Das nennen sie die „Stopp in drei Schritten“-Regel. Das ist die wichtigste Regel von allen.

Keine Petze sein

„Vielen ist der Unterschied zwischen Petzen und Bescheid sagen nicht klar“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Antje Jeddeloh. Sie hatte den Kontakt zu „Gewaltfrei lernen“ aufgebaut. In ihrem Referendariat war sie mit dem Programm in Kontakt gekommen. Die Teilnahme an dem Projekt hat einen Grund, wie Schulleiterin Doris Tapken zugibt: „Wir hatten schon vermehrt Schwierigkeiten.“ Öfter kam es zu Gerangel und Prügel auf dem Schulhof. „Oft können sich die Kinder verbal noch nicht gut ausdrücken und da fährt dann schnell bei Konflikten die Faust heraus“, so die Schulleiterin.

„Wir machen die Kinder stark, die betroffen sind, also die, die Gewalt zu spüren bekommen“, sagt Hansen. „Bewegtes lernen“ heißt seine Strategie. Damit meint er, Kinder lernen etwas umso besser, wenn sie es mit klaren Bewegungen verknüpfen können.

Die Supermodel-Übung

Die nächste Übung als Beispiel dazu: „Ihr tut so als wärt ihr Supermodels“, sagt Hansen bei der Übung zu den Mädchen. Dann geht Hansen als Drako durch die Reihen. „Du blöde Kuh“, „Du stinkst“, beleidigt er die Mädchen. Natürlich ist das nur eine Übung, und die besteht für die Mädchen darin, nicht auf die Beleidigungen zu reagieren. Schwieriger als wohl gedacht: Einige Mädchen fangen an zu kichern, „ihr findet das lustig und das kann ich total verstehen“, sagt Hansen. „Aber wir üben hier für den Ernstfall.“ Nicht zu reagieren, das sei bei Beleidigungen anfänglich die beste Entscheidung, so Hansen, das halten die Trainer auch in Rücksprache mit der Polizei für das beste Verhalten.

Aber nicht nur das körperliche Verhalten wird geschult, wichtig sind Hansen die Werte dahinter. Durch Anekdoten aus seinem eigenen Leben vermittelt er den Kindern wie wichtig es ist, sich gegenseitig zu respektieren.

Eltern sind gefordert

Alle Klassen kommen dran. Jeden Tag ist eine Klasse für zwei Schulstunden bei Hansen, und das über zwei Wochen. Bei den Übungen machen im Übrigen auch alle Klassenlehrer und sämtliche pädagogischen Mitarbeiter der Schule mit. Zusätzlich gibt es noch eine Fortbildung für die Erwachsenen. Da sind dann auch die Eltern eingeladen. „Denn die Regeln sollen bei jedem gleichermaßen ankommen“, weiß die Schulleiterin. Es bringe nichts, den Kindern ein Verhalten anzutrainieren, wenn sie es zuhause ganz anders machen. Ziel ist es, ein positives Klassenklima für jeden zu erschaffen. Das gehe nur durch beständiges Trainieren des richtigen Verhaltens. Deshalb sieht das Konzept auch vor, dass Stephan mit Drako in einem Jahr wiederkommt, quasi um das Gelernte zu verfestigen.

Flugzeugübung beliebt

„Die Übungen sind genau das, womit die Kinder zu kämpfen haben“, sagt die Klassenlehrerin der 1c, Ilka Koschel, nach dem Training. Auch wenn die Stopp-Regel schon bekannt ist, sei es eine gute Vertiefung. Neu ist für die Klasse der Umgang bei Beleidigungen. „Ich fand die Flugzeugübung am besten“, sagt Schülerin Pia. Dabei müssen alle Kinder mit ausgestreckten Armen durch den Klassenraum sausen und so tun als wären sie Flugzeuge. Rempelt dann jemand jemand anderen zufällig an, muss man sich entschuldigen. „Entschuldigung, ich hab dich nicht gesehen“, lautet dann der Zaubersatz, der gesagt und so geübt wurde.

8000 Euro kostet das zweiwöchige Programm. Finanziert wird es vor allem durch Sponsoren, die der Förderverein der Schule finden konnte. Dazu zählen der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband, die Molkerei Ammerland sowie das Kälte- und Klimaanlagenunternehmen Friedrich von Nida.

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Freya Adameck Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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