Rastede Norddeutsche sind stur, Frauen reden mehr als Männer, Südländer sind unpünktlich – alles Vorurteile, mit denen Menschen in Schubladen gesteckt werden. Wie künstlerisch mit dem „Schubladen-Denken“ umgegangen werden kann, haben rund 45 Teilnehmer in einem Wochenendseminar im Projekt „Fremdsein überwinden“ am Evangelischen Bildungshaus in Rastede unter Beweis gestellt. Die Werke der Teilnehmer sowie Stühle zum Thema „Mein Platz im Leben“ und ein Theaterstück können am Sonntag, 27. August, am Seminarort an der Mühlenstraße 126 in Rastede bewundert werden.

Das Projekt „Fremdsein überwinden“

Open door heißt es am Sonntag, 27. August, ab 10 Uhr im Evangelischen Bildungshaus an der Mühlenstraße 126 in Rastede. Ein Ende ist gegen 12.30 Uhr geplant.

Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium des Inneren. Es ist eine Kooperation des Bildungshauses, der Arbeitsstelle Kulturelle Bildung in der Ev.-Luth. Kirche Oldenburg und des Yezidischen Forums e.V. und Integration e.V.

Fünf Termine

„Der Ursprung des Projektes war es, den Gedanken der Flüchtlinge als Bittsteller aus den Köpfen zu vertreiben“, erläutert Heike Scharf, die das Projekt und die Treffen zusammen mit Swen Engel und Uwe Fischer leitet. An bisher fünf Wochenende seit August 2016 kamen 45 Teilnehmer – rund dreiviertel davon waren Flüchtlinge – in Rastede zusammen, um sich mit der eigenen Biografie, den Lebenswegen und eigenen Talenten auseinander zu setzten.

„Das Projekt sollte eine Begegnungsmöglichkeit auch mit Deutschen werden und die Geflüchteten ermutigen, Teil der Gesellschaft zu werden“, erläutert Uwe Fischer die Ausrichtung. „Es war ein kulturelles Angebot, denn wir haben viel mit kreativen Methoden gearbeitet, so konnte jeder seinen eigenen Ausdruck finden.“ Denn das Problem der sprachlichen Barriere sei durch das künstlerische Schaffen einfach weggefallen.

„Die Treffen waren eine versteckte Form des Sprachunterrichts“, beobachtete Heike Scharf. Denn während des Wochenendes im Bildungshaus wurde nur Deutsch gesprochen, so konnten die Geflüchteten abseits von Deutschkursen ihre Sprachkentnisse im Alltag erproben. „Es ging auch um die Begegnungen, das Kennenlernen und die Netzwerk-Arbeit“, so Scharf.

Denn während des Wochenendes sei die Gruppe zusammen gewachsen, hätte erkannt, dass das Zusammenleben ein Nehmen und Geben ist. „Es war berührend zu sehen, wie die Teilnehmer Freitag gekommen und Sonntag wieder gegangen sind. Sie haben hier eine Art Familie gefunden“, berichtet Scharf. Es sei gelacht und geweint worden, denn Themen wie der Platz in der neuen Gesellschaft seien eben nicht nur mit positiven Gedanken besetzt.

„Wir fragen nicht nach der Fluchtgeschichte, einige Teilnehmer hatten aber das Bedürfnis, davon zu erzählen“, so Scharf. Dann wurde aber auch in der Gruppe zugehört und getröstet – ebenfalls eine Besonderheit des Wochenendseminars. Etwa die Hälfte der Teilnehmer bilde den Kern der Treffen, zu den Kursen stießen jedoch auch immer wieder neue Leute. Die Flüchtlinge stammten und stammen zu etwa einem Drittel aus Rastede, aber auch Menschen aus Varel, Bad Zwischenahn oder Oldenburg waren schon dabei.

An diesem Sonntag, 27. August, soll nun eine erste Zwischenbilanz gezogen werden. Die gestalteten Stühle und Schubladen werden im Innenhof des Evangelischen Bildungshauses vorgestellt. Dazu gibt es kleine Info-Tafeln zu Alter, Geschlecht und Herkunft des Künstlers sowie einen kurzen Gedanken zum Hintergrund des Werkes. Außerdem wird ein Theaterstück gezeigt, das in einem Seminar im Februar dieses Jahres erarbeitet wurde. 20 Darsteller werden auf der Bühne zu sehen sein.

Und auch auf einen Film wird ein erster Blick geworfen. Denn begleitend zum Projekt „Fremdsein überwinden“ erstellt ein Filmemacher eine besondere Dokumentation in Form von Bewegtbildern. „Wir hoffen am Sonntag auf viele Leute, die neugierig auf das Projekt sind und auch auf viele Menschen, die bereits involviert waren“, sagt Projektleiterin Scharf.

Projekt läuft weiter

Nach der kleinen Zwischenbilanz geht es im November mit neuen Kursen weiter. Bisher sind bis Mitte 2018 weitere Kurse geplant. Denn unter anderem soll eine Plattform geschaffen werden, auf der Menschen ihre Talente und Fertigkeiten anbieten können, und auf der Hilfesuchende die Person finden, die unter die Arme greifen kann. Dabei geht es laut Scharf um den Gedanken, was brauche ich und auch was kann ich geben – um zu begreifen, dass die Flüchtlinge nicht nur als Bittsteller nehmen, sondern sich aktiv in die Gesellschaft einbringen können. Auch sollen in den kommenden Treffen das Theaterstück weiter erarbeitet und das Filmprojekt durch Interviews erweitert werden.

Mareike Wübben
Volontärin, 3. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion

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