Rastede Hebamme Tanja Dittjen hat viel auf dem Zettel. Wer sie – abgesehen von ihrer Familie – sprechen will, der erwischt sie meist nur auf dem Handy, während sie im Zug nach Osnabrück sitzt. Dort nämlich studiert die 42-Jährige Hebammenwissenschaften. Dass es künftig mehr Studienorte für dieses Fach gibt, hat kürzlich der Bundesrat beschlossen. Denn die Akademisierung der Hebammenausbildung ist in Deutschland überfällig, ist es doch das einzige EU-Land, das diese Richtlinie noch nicht transformiert hat.

„Wir sind sehr glücklich, dass das jetzt beschlossene Sache ist“, sagt dazu Hilke Schauland, 2. Vorsitzende des Hebammenverbandes Oldenburg. Bislang gab es an Hebammenschule in Oldenburg lediglich 15 Plätze – alle drei Jahre. „Viel zu wenig. Der Schnitt der neu in den Beruf startenden Hebammen wird sich durch die Akademisierung steigern“, freut sich die Hebamme. Das ist auch dringend notwendig. Denn in sechs bis sieben Jahren gehen geschätzt ein Viertel aller Hebammen in Rente. „Geschafft ist es noch nicht. Aber wir sehen der Zukunft gelassener entgegen und können erstmal etwas durchatmen“, so Schauland.

Auch in Oldenburg sollen angehende Hebammen künftig studieren können. Für Tanja Dittjen ist das zu spät, bis dahin will sie ihren Bachelor schon fast in der Tasche haben. Seit 13 Jahren ist sie examinierte Hebamme, die Anfragen von Schwangeren kann sie kaum bewältigen. Was soll das Studium dann noch zusätzlich bringen? „Ich merke schon jetzt im ersten Semester, wie viel man dazulernt. Vor allem im theoretischen und wissenschaftlichen Bereich.“ Ihr sei klar geworden, dass es zwei Seiten gebe, wie man die Hebammerei sehen kann. „Es ist bekannt, dass Hebammen im Krankenhaus arbeiten, daher ist Hebamme für viele ein ausschließlich medizinischer Beruf. Allerdings gibt es auch Stimmen, die Hebamme für einen rein sozialen Beruf halten. Ich finde, es hat Komponenten von beidem“, bezieht Dittjen Stellung.

Wissenschaftliche Basis

Wichtig sei ihr bei dem Studium, eine Grundlage zur Verortung ihres Berufsstandes zu finden. „Das ist eine uralte Tätigkeit. Die Konzepte, die es gibt, sind uneinheitlich, nicht verschriftlicht, nicht veröffentlicht. Vieles wird schon lange angewandt, ohne benannt zu werden.“ In ihrer praktischen Arbeit habe sie häufig festgestellt, dass Frauen – und auch deren Männer – zum Teil sehr überrascht seien, wie eine Hebamme arbeitet. „Wir müssen diesen Beruf entstauben und aus der esoterischen Ecke rausholen“, findet Tanja Dittjen und kommt auf einen wichtigen Punkt zu sprechen. „Viele denken, ein Arzt leitet eine Geburt und eine Hebamme dabei zu haben, ist auch ganz nett. Es ist aber andersherum.“ Denn: „Handelt es sich um eine normale Geburt, ist vor allem die betreuende Hebamme für die Gebärende zuständig“, weiß Dittjen aus Erfahrung. Ärzte hätten andere Aufgabenfelder. Auch im neuen Hebammengesetz, das erst vor wenigen Wochen verabschiedet wurde, ist wieder verankert, dass zu jeder Geburt eine Hebamme hinzuzurufen ist. Es hat außerdem zum Inhalt, dass der Beruf akademisiert werden soll. Fest steht für Tanja Dittjen: „Das Bild und die Wertschätzung müssen sich ändern.“ In ihren Augen sei die Akademisierung dafür ein guter Anfang. Vor allem auch deshalb, weil es bislang für Hebammen keine Aufstiegschancen gab. „Jetzt ist es möglich, Forschung zu betreiben, Studien durchzuführen, einen höheren Abschluss zu machen.“

Auch kritische Stimmen

Dass nicht alle so begeistert von der Studiums-Option sind, das weiß Dittjen. Manche Kolleginnen betrachten die Akademisierung kritisch. „Sie fürchten, dass in Zukunft Unterschiede zwischen den noch examinierten und den schon studierten Kolleginnen gemacht werden.“ Dittjen kann sich das nicht vorstellen. „Viele Schwangere wünschen sich vor allem eine gute Hebamme – ob Studium oder nicht.“ Und auch im Ammerland wachsen Hebammen nicht auf Bäumen. Ist eine Frau schwanger, muss sie sich quasi schon um eine Hebamme kümmern, „wenn der Schwangerschaftstest noch nicht trocken ist“.

Den Beruf würde sie immer wieder wählen. Sie liebt die Arbeit mit den Schwangeren und den Familien. Denn eins weiß Tanja Dittjen ganz genau: „Empathie und Wissenschaft schließen sich nicht aus.“

Imke Harms Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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