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„Ende gut - alles gut” - so könnte man das Megaprojekt Nesserlander Schleuse umschreiben, das mit der ersten Schleusung am 22. Dezember 2017 seinen Abschluss findet. Nach elf Jahren wird dann wieder ein Schiff diese Schnittstelle zwischen Außen- und Binnenhafen passieren. War es anfangs noch eine Sanierung, wurde schnell klar, dass das nicht ausreicht. Letztendlich ist es quasi ein Neubau geworden, der hoffentlich die nächsten 100 Jahre hält. Doch zahlreiche Hindernisse lagen auf dem Weg bis zur jetzigen Fertigstellung.

Im Oktober 2006 wurde der Schleusenbetrieb wegen eines Materialschadens eingestellt. Ein Halslager an einem Tor im Binnenhaupt war gebrochen. Einen Monat später traf die sogenannte Allerheiligenflut auf die norddeutsche Küste. Die Nesserlander Schleuse liegt in der Deichlinie und deshalb mussten in der Folge die Planungen überarbeitet werden, um höheren Anforderungen im Küstenschutz Rechnung zu tragen. Im September 2008 wurden die Kosten auf 65 Millionen Euro geplant.

Der steinige Weg zur Sanierung des alten Bauwerks führte dann noch über verschiedene Vergabethemen, die wertvolle Sanierungszeit gekostet haben. Im Jahr 2008 musste die europaweite Ausschreibung aufgehoben werden, es gab Formfehler bei den Angeboten. 2009 wurde ein erneutes Ausschreibungsverfahren durchgeführt, in welchem die Baumaßnahme in fünf Lose aufgeteilt wurde:

  • Los I: Ingenieurbau
  • Los II: Stahlwasserbau und Maschinentechnik
  • Los III: Elektrotechnik und Steuerung
  • Los IV: Stahlbrückenbau einer Klappbrücke
  • Los V: Straßenbau

Gegen die Auftragsvergabe im Hauptlos I im Februar 2010 hat ein Mitbewerber eine Rüge eingelegt, sodass erst im Juni 2010 durch einen Beschluss des Oberlandesgerichts in Celle der Zuschlag für die Auftragsvergabe erteilt werden konnte. Der Auftrag ging an eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus den Firmen Gebrüder Neumann (Emden), August Prien (Hamburg) und Heinrich Hecker (Oldenburg).

In der Ausführung des Auftrags wurden dann tiefer gehende Untersuchungen vorgenommen denn wie so oft bei Wasserbauwerken liegen viele Bereiche unter Wasser und können nur mit großem Aufwand eingesehen werden. Festgestellt wurde so der Zustand des historischen Bauwerks.

Die Ergebnisse haben zusammen mit den Anforderungen an die neue Küstenschutzlinie ergeben, dass das Außenhaupt nicht mehr an der ursprünglich skizzierten Position verbleiben konnte. Im Herbst 2010 wurde somit beschlossen, dass die Bausubstanz der über 120 Jahre alten Schleuse nun doch nicht in die Sanierung einbezogen wird. Eine statische Neuberechnung und eine Neuplanung der Verankerung des Außenhauptes im Baugrund wurden erforderlich.

Auch Lieferschwierigkeiten bei den notwendigen Materialien sorgten für Verzögerungen: Plötzlich war kein Stahl mehr zu bekommen. Trotz eines Bedarfs von fast 7000 Tonnen mussten sich die Emder Schleusenbauer bei den beiden weltweit agierenden Stahlriesen hinten anstellen. Im Juni 2011 begannen die Bauarbeiten von Los 1 mit dem ersten Rammschlag. Zu diesem Zeitpunkt kannte das Projekt-Team jeden verborgenen Winkel der alten Schleuse und fühlte sich gerüstet für die weiteren Sanierungsschritte.

Es folgte im Oktober 2012 die Inbetriebnahme einer genehmigten Grundwasserentspannungsanlage. Diese war dafür notwendig, den gesamten Bereich der Schleusenkammer und des Binnenhauptes trocken zu legen, um mit den entsprechenden Abbrucharbeiten zu beginnen. Im Nachgang sollte in Trockenbauweise die neue Schleusenanlage errichtet werden.

Allerdings wurde zu diesem Zeitpunkt durch die Betreiber zweier im Binnenhafen verlaufender Düker (Tunnel) erstmals gefordert, dass die - in früheren Jahren bereits erfolgte - Trockenlegung der Baugrube keine Auswirkungen auf diese Bauwerke haben dürfte. Somit mussten weitere Sicherheitsmaßnahmen und umfangreiche Umplanungen erfolgen.

Es dauerte bis Mitte 2013 bis die Abbrucharbeiten im Bereich der Schleusenkammer gestartet werden konnten. Weiter gearbeitet wurde in der Zwischenzeit am Außenhaupt der Schleuse, also dem der Hafeneinfahrt zugewandten Teil. 195 Lotpfähle sind dort eingebracht worden. Sie dienen der Auftriebssicherung für eine Betonsohle unter Wasser. 42 sogenannte Rüttelinjektions-Pfähle stabilisieren die Baugrube in diesem Bereich. Diese Pfähle werden speziell dort eingesetzt, wo hohe Zuglasten auftreten.

Ebenfalls am Außenhaupt liefen seinerzeit Gurtungs- und Aussteifungsarbeiten. Diese Konstruktionen hielten und sicherten die Baugrube nach dem Abpumpen des Wassers (Lenzung). Am Binnenhaupt und in der Schleusenkammer waren die zuvor gerammten Baugrubenwände verankert worden.

Erstes sichtbares Zeichen, dass es auf der Baustelle weitergeht, war Anfang Oktober 2013 das Gießen der Betonsohle am Außenhaupt. Auf einer Fläche von rund 1100 Quadratmetern wurde Unterwasserbeton in einer Dicke von 1,20 Metern vergossen. An dem Tag standen zahlreiche Beton-Fahrzeuge zwischen Borkumkai und Schleusenbaustelle Schlange, um die benötigten Mengen anzuliefern.

Im Jahr 2014 hat Niedersachsen Ports das Projekt „Sanierung der Nesserlander Schleuse“ intern auf den Prüfstand gestellt. Die Projektorganisation wurde geändert, die technische und finanzielle Situation neu bewertet. Das Budget wurde erhöht und die Fertigstellung für 2017 festgelegt.

Und dann ging es aufwärts. 2015 wurden nach erfolgter Einbringung von insgesamt 650 Auftriebssicherungspfählen die Betonsohlen unter Wasser in der Schleusenkammer und Trogstrecke eingebracht. Insgesamt wurden in dem Bereich zirka 6000 Kubikmeter Beton eingebaut. Weiterhin wurden dann abschnittsweise die aufgehenden Betonwände mit ebenfalls rund 6000 Kubikmeter Beton hergestellt.

Weitere positive Nachrichten gab es im Jahr 2016: Die Erstbetonarbeiten am Außen- und Binnenhaupt waren fertiggestellt und die Arbeiten gingen planmäßig voran.

Am 18. und 19. Oktober 2016 wurden die Schleusentore eingebracht. Gebaut wurden sie im niederländischen Krimpten und bringen jeweils 160 Tonnen auf die Waage. Eingearbeitet wurden sie mithilfe des Schwimmkrans „Enak”.

Und auch bei den folgenden Bauschritten gab es nur noch Positives zu vermelden: Ende 2016 wurde das Außenhaupt fertiggestellt und Anfang 2017 das Binnenhaupt. Am 30. Mai wurde die 22 Meter lange und 120 Tonnen schwere Brückenklappe aufgesetzt. Am 13. und 14. Juni 2017 wurden die sogenannten Brückenpylone installiert. Die aus Stahl bestehenden und rund 55 Tonnen schweren Pylone sind 14,50 Meter hoch und dienen als Gegengewichte, mit denen im Falle einer Schleusung die Last der 120 Tonnen schweren Brückenklappe angehoben wird.

Der Übergang tanzt im Emder Brücken-Ballett allerdings ein wenig aus der Reihe. Während die drei Nachbarbrücken über den Alten Binnenhafen allesamt Richtung Westen hochklappen, öffnet sich die Brücke über der Nesserlander Schleuse aus bautechnischen Gründen Richtung Osten.

Am 4. September 2017 hieß es dann eine Woche lang „Wasser marsch” - die Schleusenkammer wurde geflutet.

Mit der ersten Schiffsdurchfahrt am 22. Dezember 2017 wird das Ende der aufwändigen Sanierungsarbeiten eingeläutet. Der Seehafen Emden erhält nun eine moderne, leistungsfähige Schleuse zurück, neben der Großen Seeschleuse ein weiteres Tor zur Welt.


Technische Daten der Schleuse

• Durchfahrtsbreite: 18 m

• Breite der Schleusenkammer: 24 m

• Länge zwischen den Toren rund 180 m

• Drempeltiefe: - 7 m NN

• Beton ~ 30.000 m³

• Bewehrungsstahl ~ 6.500 Tonnen

• Spundbohlen ~ 700 lfm(Einzellängen: bis 30 m)

• Stahlpfähle ~ 1.000 Tonnen(Einzellängen: bis 40 m)

• Schleusentore Außenhaupt:~ 160 Tonnen pro Tor

• Schleusentore Binnenhaupt:~ 110 Tonnen


Zeitplan

1881 bis 1883 - Baujahr

1888 - Inbetriebnahme

1961 und 1982 - Zwei Instandsetzungen

Oktober 2006 - Einstellen des Schleusenbetriebs wegen Bruch des Halslagersam Binnenhaupttor

November 2006 nach Extremsturmflut („Allerheiligenflut“) -Umplanung aufgrund höherer Anforderungen im Küstenschutz

Oktober 2007 - Sicherung des Außenhauptes (Sandverfüllung)

Mai 2008 - Erste Submission: elf Bieter im Rahmen der ersten Ausschreibung

Juli 2008 - Aufhebung der Ausschreibung wegen formaler Fehler seitens der Bieter

August 2009 - erneute Submission

Januar 2010 - Rüge eines im Los I unterlegenen Bieters

Februar 2010 - Antrag auf Durchführung eines VergabenachprüfungsverfahrensAuftragsvergabe der Lose II bis V

Juni 2010 - Beschluss zum vorzeitigen Zuschlag durch das OLG Celle, Auftragsvergabe Los I – Beginn der Ausführungsplanung

2011 - umfangreiche Umplanungen der ursprünglichen Entwürfe,da die vorhandene Altsubstanz nicht zu integrieren war

Juni 2011 - Beginn der Bauarbeiten des Loses I (Ingenieurbau), erster Rammschlag

Oktober 2012 - Inbetriebnahme Grundwasserentspannungsanlage Dükerbetreiberfordern erstmals, dass durch die Trockenlegung der Baugrube keine Auswirkungen auf den Grundwasserstand an den Dükern auftreten dürfen. Einhaltung Pegelwert von NN -0,8 m

Anfang 2013 - Baustopp in den Bereichen Binnenhaupt und Schleusenkammer,Umstellung des Bauverfahrens, Erarbeitung und Aufstellung des dritten Nachtragsentwurfs

2014 - Umstrukturierung des Projektes (Änderung der Projektorganisationund Neubewertung der finanziellen Situation)

18. und 19. Okt. 2016 - Einbau der Schleusentore

Ende 2016 - Fertigstellung Außenhaupt

Anfang 2017 - Fertigstellung Binnenhaupt

Juni 2017 - Installation der Klappbrücke

4. September 2017 - Flutung der Schleusenkammer (Dauer eine Woche)

22. Dezember 2017 - Erste Schiffsdurchfahrt

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