Was die Neunziger für mich waren? Das beste Jahrzehnt meines Lebens! Ein Jahrzehnt der Freiheit. Ein Jahrzehnt des Aufbruchs und der Möglichkeiten. Mein Weg zwischen 1990 und 2000: Leipzig – Hamburg – Damaskus – Beirut – Jerusalem – London – Köln und schließlich wieder Leipzig. Ein Wahnsinn! Völlig undenkbar noch 1988! Denn ich stamme aus der DDR.

An die offizielle Wiedervereinigung zu Beginn des Jahrzehnts hingegen erinnere ich mich als belangloses Ereignis: Wir Ossis hatten ja schon unsere Freiheit. An den Tag kann ich mich nicht entsinnen. Ganz im Gegensatz zu jenem, an dem ich in eben diesem Jahr zum ersten Mal einen Sonnenaufgang in Damaskus sah. Immer wieder musste ich mich kneifen. Ist das real?

Ich erlebte das Ende des Bürgerkrieges im Libanon und erfuhr dort eine ähnliche Hoffnung auf persönliche Freiheit wie in Europa. Die brach sich damals scheinbar unaufhaltsam Bahn: In Europa zerfiel die Sowjetunion, der Ostblock löste sich auf.

Meine ersten journalistischen Gehversuche drehten sich dann auch genau darum – um die Umbrüche, die Versuche der Menschen, Wege zu beschreiten, die sie aus Zwängen und Abhängigkeiten befreien würden. Sei es im Libanon, in Syrien oder auch später in Israel. Davon konnte ich nicht genug bekommen. Mit dem als 20-Jähriger erträumten Korrespondentenjob im Ausland hat’s dann allerdings nie hingehauen.

Aber wie war das alles aufregend! Viel aufregender als in Deutschland, wo sich Verwandte und Freunde durch die Mühen der Ebene nach der Wiedervereinigung quälten. Auf diesen Wegen schliff sich dort alle Euphorie ab. Der Ossi wurde im Westen zum Popanz, den man für den Wohlstandsverlust nach 1990 prima verantwortlich machen konnte. Meine Mutter stand wochenlang jeden Tag allein mit einem Schild in der Leipziger Innenstadt auf dem zu lesen war: „Gegauckt, evaluiert und trotzdem abgewickelt. Nehme jeden Job an“. Als Hochschullehrerin hatte sie Westimporten Platz machen müssen. Das war eben auch eine bittere Zeit, denn es lag damals unter Kohl politischer Mehltau über dem Land. So wie heute auch.

Ich war da im Ausland besser dran. Als Ostdeutscher war ich in vielen Ländern ein unbekanntes Wesen, dem sich schon aus Neugier die Türen öffneten. Und so bekam ich aus erster Hand Eindrücke, wie sich eine Welt im Umbruch auch in einen Strudel größter Unfreiheit stürzen kann. In den Neunzigern lauteten die Stichworte: Jugoslawien, Irak und Ruanda.

Schließlich gibt es da noch das, was aus den Neunzigern bis heute strahlt. Meist sind es enttäuschte Hoffnungen und Träume. Da ist das Oslo-Abkommen zwischen Israelis und Arabern. Was war das für ein Jubel vor dem Damaskus Tor in Jerusalem, den ich sah! Und wie fatal wurde diese Chance von den Führern der Palästinenser verspielt. Was war das für ein Jubel, als der Vertrag von Maastricht unterschrieben wurde! Wohlstand und Freiheit für Europa sollte er bedeuten. Heute untergräbt die Politik in Brüssel und den europäischen Hauptstädten durch den Einstieg in übergeschnappte Schuldenpolitik beides.

Ja, ich mochte sie, diese 90er. Ich wünschte, es käme noch einmal so ein Jahrzehnt der Freiheit.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Mitglied der Chefredaktion (Überregionales)
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