Oldenburg Die Fünfziger-Jahre – eine unglaubliche Zeit in der großen Politik und im eigenen Leben. Zwei deutsche Staaten hatten sich etabliert. Persönlich raste ich vom 8. zum 18. Lebensjahr. Kann sich in einer anderen Lebensphase mehr zusammenballen?

Kurz war ich DDR-Bürger, ehe sich unser Leben ab 1950 für zehn Jahre nach der Familienzusammenführung im Sauerland abspielte. Bis zur zweiten Klasse erhielt ich in Thüringen sogar intensiven Förderunterricht für die Schule in der „Bä-Är-Däh.“ West-Kanzler Konrad Adenauer nannte den Osten immer „die Soffjett-Zone.“

Autor Horst Hollmann war lange Sportchef der Nordwest-Zeitung. In seiner Jubiläums-Kolumne erinnert sich der 79-jährige Journalist an die 1950er Jahre.

Das Wirtschaftswunder nahm anfangs im Westen nicht jeden herzhaft in den Arm. Zehn Mark Schulgeld fürs Gymnasium mit Unterricht teils noch in Baracken bildeten für viele Familien einen Batzen. Es gab Autofahrer, die bergab den Motor abschalteten, um Benzin zu sparen. Es wurde viel gewagt, aber nicht immer etwas gewonnen.

Doch was riss uns alles im Leben mit! Das „Wunder von Bern“ mit dem 3:2 gegen Ungarn im Endspiel um die Fußball-WM. Weil gleichzeitig zwei Mercedes-Silberpfeile in Reims erstmals wieder einen Großen Preis der Formel I gewannen, sollte der 4. Juli 1954 sogar zum „Tag des deutschen Sports“ erhoben werden. Aber dann blieb man etwas bescheidener.

Natürlich, der 17. Juni 1953 mit dem Aufstand in der DDR wühlte uns auf. Als 1956 die Volkserhebung in Ungarn niedergeschlagen wurde, brauchte kein Lehrer uns nahezubringen, wo die „Bösen“ saßen. Noch kaum ein Thema war in Familien aber die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Selbst der Auschwitz-Film ließ viele Schüler merkwürdig unberührt – was wir sahen, wirkte so irreal, das konnte gar nicht so gewesen sein. Und es gab genug Pädagogen, die wir „alte preußische Junker“ nannten, die offensiv auswichen. Aber mitreißend Jüngere mit Weltoffenheit und Zukunftsideen brachen sich Bahn.

In unserer Kleinstadt waren Kanadier stationiert. Die anfängliche Reserviertheit der älteren Einwohner legten wir Schüler rasch ab. Wir brachten den kanadischen Schülern Handball bei, die uns Eishockey. Der Hauch einer weiteren Welt wehte so selbst in der sauerländischen Provinz.

Was uns damals bewegte, würden wir heute „irre“ nennen. Die Krönung von Elisabeth II. haben wir gleich dreimal im Kino gesehen. Den Indochina-Krieg haben viele jeden Morgen am Radio mit bangender Parteinahme für die Franzosen verfolgt. Mit Namen wie James Dean, Charles de Gaulle, Fidel Castro, Nikita Chruschtschow, Boris Pasternak, Reiter Hans-Günter Winkler mit seiner Wunderstute „Halla“ verband jeder etwas. 1957 feierten wir singend auf dem Schulhof eine politische Rückkehr: „Deutsch ist die Saar, deutsch immerdar!“

Doch das Leben im eigenen emotionalen Aufbruch prägte uns am Ort. Da hingen Ampeln in Kastenform hoch in der Mitte über Kreuzungen; der Zeiger drehte sich bestimmend über die Farbflächen Grün, Gelb, Rot. Immer klebten wir eine Zwei-Pfennig-Marke auf jeden Brief: „Notopfer Berlin.“ Zur Tanzschulzeit übten wir in den Pausen Schritte mit einem aufgeklappten Kartenständer als „Dame.“ Ging bei reinen Jungen- und Mädchenklassen eben nicht anders. Überhaupt: Das gesellschaftliche Leben war vordergründig komplikationslos geregelt – die Männer schafften an, die Frauen erzogen die Kinder.

Ja, Autofahren war ein Abenteuer. Unser Leichtathletik-Trainer besaß eine „Ente“, mit sagenhaften zwölf PS. Zu viert unterwegs zu einem Wettkampf? Da mussten bergauf schon mal zwei Leute zu Fuß gehen.

Aber hoch gekommen sind wir alle. Ich habe heute noch beste Freunde seit der dritten Schulklasse.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.