Oldenburger Land Die „Hinterbliebenen“ streiften sich ein weißes T-Shirt über. „Ich war dabei“, steht in schwarzen Lettern auf der Brust, „und tschüss“ auf dem Rücken. „Da kommt schon Wehmut auf“, sagte Regierungsoberamtsrat Dirk Ellinghaus, der als „Abwickler“ zu den letzten Beamten der Bezirksregierung Weser-Ems gehörte.

Zum 1. Januar 2005 wurde die Mittelbehörde aufgelöst. Der endgültige Beschluss dazu war erst gut zwei Monate zuvor im niedersächsischen Landtag gefallen. Da verabschiedete die Regierungsmehrheit von CDU und FDP die von Innenminister Uwe Schünemann (CDU) vorangetriebene Verwaltungsreform, mit der die Bezirksregierungen in Oldenburg, Hannover, Lüneburg und Braunschweig abgeschafft wurden.

Die Koalition erhoffte sich von der Reform vor allem Einspareffekte. In den Regionen fürchtete man den Verlust von Einfluss und Entscheidungskompetenz – und nicht zuletzt bangten die Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze.

Neben sachlicher Kritik an der mit dem Wegfall der Mittelinstanz verbundenen Zentralisierung im Flächenland Niedersachsen brachen gerade im Oldenburger Land auch alte Wunden auf. Denn die Nachkriegsgeschichte ist hier auch eine Geschichte des erfolglosen Kampfes um Eigenständigkeit. Alle Bemühungen, das Oldenburger Land als eigenes Bundesland zu erhalten, scheiterten, ein entsprechendes Volksbegehren wurde von der Politik ausgesessen.

1978 sahen viele im Zusammenschluss des Verwaltungsbezirks Oldenburg mit den Bezirken Osnabrück und Aurich zum Regierungsbezirk Weser-Ems den endgültigen Abschied von der Oldenburger Selbstständigkeit.

Und nun sollte auch noch die Bezirksregierung mit ihren weit reichenden Befugnissen und bislang durchweg einflussreichen Regierungspräsidenten durch eine kleine Regierungsvertretung ersetzt werden, der der Makel einer „Posteinwurfstelle“ für die im entfernten Hannover sitzende Landesregierung anhaftete.

Der letzte Regierungspräsident Bernd Theilen (SPD) war bereits 2003 nach dem Regierungswechsel in Hannover in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden. Während die Mitarbeiter in Oldenburg gegen die Auflösung der Bezirksregierung protestierten und der Personalrat   Klarheit für die damals 1300 Bediensteten forderte, füllten sich die NWZ -Leserbriefspalten mit kontroversen Meinungen. „Nun kommt endlich eine Landesregierung und beginnt aufzuräumen und zu sparen“, freute sich das eine Lager. „Die Landesregierung zerstört – und dies offensichtlich ganz gezielt – einen in fast 1000 Jahren gewachsenen Landesteil“, beklagte sich das andere.

Fünf Jahre nach der Abwicklung der Bezirksregierung herrschte Ernüchterung. Der parteilose Jurist und ehemalige Direktor des Landtags, Professor Albert Janssen, kam Anfang 2010 in einer Analyse der Verwaltungsreform zu dem Ergebnis, dass die wichtige Bündelungsfunktion der Bezirksregierungen verloren gegangen ist und die beabsichtigten Einspareffekte nicht erzielt wurden.

Auch aus der Praxis gab es Kritik: „Wir hatten immer einen kurzen Draht zur Bezirksregierung“, sagte Emdens Oberbürgermeister Alwin Brinkmann am 6. Januar 2010 in einem NWZ -Interview. Nun säßen die direkten Ansprechpartner in Hannover. „Das ist nun mal ein längerer Weg“, so Brinkmann, der allerdings auch einräumte, dass die Bürger den Wegfall der Bezirksregierungen kaum gemerkt haben: „Zu spüren bekommen es die Landräte und Bürgermeister, die mit der neuen Administration umgehen müssen.“

Nach dem Regierungswechsel in Hannover im Jahr 2013 hat die neue rot-grüne Landesregierung die Mittelinstanzen wieder gestärkt. 2014 wurde auch in Weser-Ems die Regierungsvertretung mit zuletzt nur noch knapp 30 Mitarbeitern durch eine deutlich größere Regionalbehörde mit erweiterten Kompetenzen vor allem in der Strukturpolitik und Regionalentwicklung ersetzt.


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Ulrich Schönborn Chefredakteur (ViSdP) / Chefredaktion
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