Elsfleth Es war ein Tag, der in die Geschichte der Hafenstadt in der Wesermarsch eingehen sollte: „Schulschiff in Elsfleth getauft“ verkündete die Nordwest-Zeitung am 14. Juni 1982 die gute Nachricht.

Herzogin Ameli von Oldenburg war Taufpatin und machte es spannend: Zweimal warf sie vergeblich die Sektflasche gegen den mittleren Mast des Segelschulschiffes, bevor der Taufakt im dritten Versuch gelang. Von Stund’ an hieß der 462 Bruttoregistertonnen große Dreimastschoner offiziell „Großherzogin Elisabeth“.

Die 1000 Quadratmeter Segel setzen sollten künftig Jugendliche während des Blockunterrichtes zur Matrosenausbildung und die Studenten des Fachbereiches Seefahrt Elsfleth der Fachhochschule Oldenburg.

Dass auch die Handelsmarine nun wieder ein Segelschulschiff auf die Meere schicken konnte, war vor allem der Initiative des Elsflether Reeders und Kapitäns Horst Werner Janssen zu verdanken. Er hatte das Schiff im Oktober 1981 im Hafen von Piräus entdeckt, es gechartert und unter der Führung von Kapitän Uwe Oden mit Studenten nach Elsfleth überführt. Dabei stand die Crew „mit Wind und Wetter in direktem Kontakt“, wie die NWZ am 4. Februar 1982 berichtete. „Begeistert“ zeigte sich Janssen von der Reise, die mit 50 Tagen und 17 Stunden Dauer eine echte Testfahrt werden sollte: „Ab Sardinien bei Windstärken zwischen 6 und 8, in Böen von 9 bis 10“, berichtete der Elsflether.

Die Ankunft am Sonntag, 14. März 1982, im Elsflether Hafen wurde zu einem Volksfest. Von Brake an drängten sich die Schaulustigen entlang des Weserufers, Menschenmassen standen am Sperrwerk und noch mehr im Elsflether Hafen, um den historischen Augenblick zu erleben. Zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg machte wieder ein Ausbildungsschiff für die deutsche Handelsflotte im Hafen fest. Die Flagge der Elsflether Reederei von Horst Werner Janssen flatterte im Want, am Klüverbaum wehte die Fahne der Stadt Elsfleth, und im Hafen begrüßte der Elsflether Spielmannszug den Dreimastschoner mit klingendem Spiel.

Da hatte die „Lissi“, wie sie liebevoll genannt wurde, schon eine bewegte Geschichte hinter sich. Ihr Vorgänger, die „San Antonio“ sank nur ein Jahr nach dem Stapellauf nach einer Kollision mit dem Leichten Kreuzer Emden der deutschen kaiserlichen Marine – die für den Unfall aufkommen und einen Neubau gleichen Namens bezahlen musste. Der wurde auf der Werft Jan Smit in Alblasserdam gebaut und 1909 fertiggestellt. Als Frachtsegler war er in Südamerika, im Mittelmeer und in der Nord- und Ostsee unterwegs, kenterte einmal, konnte aber geborgen und wieder flott gemacht werden. 1936 wurde die „San Antonio“ zu einem Küstenmotorschiff mit Hilfsbeseglung umgebaut, während des Krieges wurde das Schiff für Nachschubzwecke eingesetzt. Nach 1947 wechselten mehrfach die Besitzer, bevor es 1973 der Hamburger Kapitän Hartmut Paschburg erwarb und zu einem Dreimastschoner unter dem Namen „Ariadne“ für Kreuzfahrten umbauen ließ.

1983 erwarb der Landkreis Wesermarsch den Windjammer für 1,2 Millionen DM; 450 000 DM gab das Land Niedersachsen dazu, 100 000 DM die Stadt Elsfleth. Elsfleth knüpfte damit an eine alte Tradition an. Denn „Großherzogin Elisabeth“ hieß auch das erste in diesem Hafen beheimatete Segelschulschiff des Deutschen Schulschiffvereins, der im Jahr 1900 auf Initiative des Großherzogs von Oldenburg, Friedrich August, gegründet wurde.

Glanzvoll schien auch die Zukunft der neuen „Großherzogin Elisabeth“. Und doch war ihr Schicksal fast besiegelt, als am 31. März 1993 ein Brand auf dem Schiff ausbrach, das gerade auf der Elsflether Werft lag. Alle sechs Elsflether Ortswehren bemühten sich verzweifelt, das Schiff zu retten. „Das Schicksal der Lissy ist noch ungewiß“ titelte die NWZ  am 2. April 1993. Einen Tag nach dem Unglück stand noch nicht fest, ob der Dreimastschoner restauriert werden kann – unklar war, ob der Schaden höher als die Versicherungssumme ist.

Doch da krempelte Horst Werner Janssen, Präsident des Schulschiffvereins, bereits die Ärmel hoch. Die Nachricht vom Brand erreichte ihn während eines Urlaubs auf Ibiza: „Wenn der Rumpf noch eine Restaurierung wert ist, werden wir das Schiff wieder klar kriegen“, gab er sich optimistisch – und sollte Recht behalten. Sponsoren wurden gesucht, Bürger starteten Initiativen, Unterschriften wurden gesammelt. Politiker waren sich der Bedeutung eines Segelschulschiffes für Elsfleth bewusst. Dann die gute Nachricht: Die Versicherungsleistung sollte zwei Millionen DM betragen, genug für die Reparatur. Im Juni 1993 schließlich galt die Restaurierung als gesichert und gleichzeitig übergab der Landkreis das Schiff dem Verein.

Der „Weiße Schwan von der Unterweser“, wie die „Lissi“ auch genannt wurde, war danach nicht nur instandgesetzt, sondern auch modernisiert, finanziert aus Mitteln der Stadt, der maritimen Behrmann-Stiftung und Hypotheken.

Am 30. September schließlich erstrahlte der alte Schoner in neuem Glanz: „Lissi bleibt unsterblicher Windjammer“, so die Schlagzeile am 1. Oktober 1993 in der NWZ .


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