Weinernte Durch Kälte Gefährdet

So kämpfen Winzer gegen den späten Frost

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Arbeit gegen die Kälte: Winzer verbrennen in den frühen Morgenstunden in einem Weinberg bei Meißen Stroh, um mit dem Rauch die Weinreben gegen den Frost zu schützen. Bild: Sebastian Kahnert/dpa

Der frühe Austrieb und die kalten Temperaturen lassen die Winzer um ihre Ernte bangen. Um die empfindlichen Knospen zu schützen, greifen sie zu ungewöhnlichen Mitteln – von Frostkerzen bis zum Helikopter.

Radebeul/Obersulm Mit der Mistgabel stochert ein Helfer im brennenden Stroh, legt ein paar feuchte Halme nach, bis weißer dichter Rauch den Weinberg hinunter zieht und die Reben einhüllt. Nebenan kontrolliert Teamleiter Roy Paul die kleineren Holzfeuer, legt hier Grillkohle nach, dort ein Brikett. Alle zwei bis drei Reihen lodert ein solches Feuer. „Viel Rauch, wenig Flammen, das ist das Beste“, sagt Paul, der zum Schutz vor der Kälte eine dick wattierte Jacke und hohe Stiefel trägt. Es ist seine zweite Nacht im Weinberg im sächsischen Priestewitz im Landkreis Meißen - und mit minus zwei Grad bisher die kälteste.

Um die Knospen der Weinreben gegen den Spätfrost zu schützen, zünden Winzer des Sächsischen Staatsweinguts Schloss Wackerbarth in mehreren Nächten Feuer in den Weinbergen an. Der Rauch lässt die Temperatur über dem Boden um ein bis zwei Grad steigen. „Die können entscheidend sein, wenn die Knospe schon aufgegangen ist“, so Paul. Weil der März ungewöhnlich warm war, sind die Knospen im Elbtal zum Teil schon recht weit ausgetrieben, vor allem bei den roten Sorten wie Spätburgunder und dem Blaufränkischen. Erwischt sie der Spätfrost, drohen erhebliche Ernteausfälle - bis hin zum Totalverlust.

Im Kampf gegen die Minusgrade zünden Paul und seine vier Kollegen abends um elf die Feuer an. Bis morgens um sieben halten sie diese am Lodern. „Wir müssen die ganze Nacht die Feuer bedienen, kontrollieren und auflegen, da wird man nicht müde“. Auch in der Nacht zum Freitag will Wackerbarth insgesamt rund 200 Weinbergsfeuer auf einer Fläche von rund 19 Hektar anzünden. Darunter sind 5,5 Hektar Junganlagen, die besonders empfindlich sind.

Martin Junge sieht keine Alternative, auch wenn der Aufwand enorm ist. 19 Hektar, das seien 20 Prozent der Gesamtfläche, die das Staatsweingut bewirtschafte. „Es wäre fahrlässig, wenn wir da nicht reagieren würden“, so der Sprecher von Schloss Wackerbarth.

So mancher Winzer in Sachsen entfacht in den kalten Nächten kleine Feuer, andere haben nach dem Rebschnitt sogenannte Frostruten stehen lassen, um die dünnen Äste bei Minusgraden so weit hochzubinden, dass die Knospen vom Frost verschont werden. Das geht allerdings nur bei kleinen Flächen. „Allein die Junganlagen zählen bei uns mehr als 20 000 Rebstöcke, da ist Feuer für uns die praktikabelste Möglichkeit.“

Auch Winzer in anderen Bundesländern greifen zu ungewöhnlichen Mitteln: So werden etwa in Baden-Württemberg Hubschrauber zum Schutz junger Reben vor Frost eingesetzt. Sie tauschen kalte und warme Luft aus. „Wir können die Temperatur um bis zu vier Grad erhöhen“, sagt Agrarminister Peter Hauk (CDU) in Obersulm. Die zweistündigen Flüge in 15 Metern Höhe seien aber nur bei leichtem Bodenfrost sinnvoll. Zunächst sind zwei Tage für den Test auf 100 Hektar Land geplant.

In Duttweiler in der Pfalz verwirbeln auch in der kommenden Nacht stationäre Windräder die Luft, so dass sich wärmere mit kälteren Schichten vermischten, berichtet Andreas Köhr vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd. Die Temperaturen seien in der Nacht zum Donnerstag mancherorts auf bis zu minus sechs Grad gesunken. In der Schweiz haben Winzer in den vergangenen Tagen Frostkerzen zwischen den Reben angezündet, um die Temperatur im Weinberg leicht zu erhöhen. Frostkerzen gelten allerdings als kostspielig und kommen vor allem auf kleineren Flächen zum Einsatz.

„Der Austrieb erfolgte früher als normal, es ist daher eine kritische Zeit“, erklärt der Klaus Rückrich, Referent für Weinbau im Deutschen Weinbauverband. Auch der Obstbau - vielerorts mitten in der Blüte - sei stark von den Spätfrösten betroffen.

In Sachsen, wo 2300 Winzer eine Fläche von insgesamt 493 Hektar bewirtschaften, gibt man sich zwar vorsichtig optimistisch. „Wie erfolgreich die Maßnahmen sind, wird sich endgültig aber erst in drei bis vier Wochen zeigen“, sagt Martin Junge von Schloss Wackerbarth.

Als die Sonne am Morgen langsam über den Weinbergen aufgeht, geht Roy Paul durch die Reihen, schaut sich die Knospen an. „Wenn sie braun werden, hat es nicht funktioniert.“ Auf den ersten Blick scheinen die meisten grün zu sein. Noch ist es aber zu früh, um mögliche Schäden aus der vergangenen Nacht zu erkennen. Und den Winzern steht laut Deutschem Wetterdienst eine weitere kalte Nacht bevor. Bevor er am späten Abend wieder die Feuer im Weinberg anzündet, will sich Paul ein wenig hinlegen. „Irgendwann wird man doch müde.“

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