Virtual Reality In Oldenburg

Brille zu einer anderen Welt

Mathias Freese
NWZ-Redaktion

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Flucht vor der großen Koalition? Bundeskanzlerin Merkel wagt auch den Blick durch die VR-Brille in eine andere Realität. Bild: dpa

Mithilfe der Brille taucht man in eine dreidimensionale Welt ab. Der Nachteil: Die Technologie ist noch recht teuer. In Oldenburg kann man bei einem VR-Abend im Mai die Brillen ausprobieren.

Oldenburg In eine andere Welt eintauchen, realistisch, dreidimensional, sogar mit Surround-Optik, also 360 Grad – und das alles nur mithilfe einer Brille. Virtuelle Realität ist auf dem Vormarsch. Wohl jeder hat den Begriff „Virtual Reality“ (VR) schon einmal gehört, einige haben selbst bereits Erfahrungen gesammelt. Vor allem auf dem Videospiel-Markt hat die Technologie inzwischen Serienreife. Doch wo wird die seit Jahren hochgehypte Technologie noch eingesetzt? Und wo liegt noch Potenzial?

Mit diesen Fragen beschäftigen sich die beiden Gründer Bastian Wilkat und Bryan Hempen, die am Montag, 22. Mai, einen Diskussionsabend zum Thema „VR“ veranstalten. Er läuft in der Reihe „Digital Technologies Meetup Oldenburg“, die Wilkat ins Leben gerufen hat und die sich mit disruptiven Technologien beschäftigt. „Also Technologien, die Gesellschaften verändern können. Oder zumindest Geschäftsmodelle“, erklärt der in Hude lebende Wilkat, der als Digitalstratege bei einem Oldenburger IT-Dienstleister arbeitet und als Unternehmer tätig ist – sich also stets mit innovativen Geschäftsfeldern nationaler und internationaler Unternehmen befasst.

Abend zum Thema Virtual Reality

Einen Diskussionsabend zu Virtual Reality organisiert Bastian Wilkat (Hude) am Montag, 22. Mai, um 18 Uhr in der Alten Fleiwa in Oldenburg. VR-Entwickler Bryan Hempen (Osnabrück) berichtet vom neusten Stand der Technologie. Georg Renken (Bremen) referiert über 360-Grad-Videos.

Der Abend ist offen für alle, die sich für Virtual Reality interessieren. Auch Gelegenheit zum Ausprobieren wird es geben. Um Anmeldung an bw@bastianwilkat.de wird gebeten.

Wilkat und Hempen haben ein Unternehmen gegründet, das Taschen für VR-Brillen vertreibt. Die beiden haben außerdem in Göttingen drei Meetups zum Thema VR mit jeweils 80 Teilnehmern organisiert und in diesem Jahr die Halle zur virtuellen Realität bei der CeBit in Hannover mitgestaltet.

„Es gibt immer mehr Firmen, die Virtual Reality nutzen“, berichtet der 29-Jährige. Automobilkonzerne wie Audi zum Beispiel, bei denen man sich das potenzielle Auto schon realitätsnah anschauen kann. Das gleiche gilt für Immobilien, die sich mit VR quasi betreten und in 3D und Originalgröße begutachten lassen, bevor sie gebaut werden.

In diesen Bereich ist auch das Oldenburger Startup HM Innovation eingestiegen. „Den Leuten fehlt oft das Verständnis für das räumliche Denken“, sagt Geschäftsführer Dennis Heineking. Er und sein Bruder Marc fingen vor einem Jahr mit 360-Grad-Videos an, setzten aber schnell auf VR – mit als erste in der Region. Jetzt arbeiten sie mit einigen Oldenburger Architekten zusammen. Auch Mitarbeiterschulungen für große Unternehmen entwickeln sie: „Mit VR kann man Low-interest-Produkte interessant machen – zum Beispiel in eine Autobatterie hineingehen.“

Neu ist auch dieser Zweig nicht. Siemens benutzt die Technologie schon länger, um Mitarbeiter besser zu trainieren, die vor einem Einsatz auf einer Bohrinsel stehen. Generell sei die Industrie oft treibende Kraft innovativer Technologien, sagt Wilkat: „Viele Entwicklungen werden nur deshalb groß, weil die Industrie investiert.“

Lebensnaher Unterricht

Die erste Branche, die von VR völlig auf den Kopf gestellt wird, sei aber die Spiele-Branche, sagt Hempen. „Gamer gehören häufig zu den Early Adoptern, was neue Technologien angeht“, sagt der Entwickler, Gründer und Freelancer aus Osnabrück: „Die sind auch schon lange in 3D-Welten unterwegs – allerdings bisher auf 2D-Bildschirmen.“

Da eine gute VR-Brille mit ca. 700 Euro noch recht teuer ist – gemeinsam mit dem leistungsstarken Rechner oder der Playstation 4, die man dafür benötigt, muss man sogar mehr als 1200 Euro investieren – und man für das richtige Spielen viel Platz braucht, setzen in Deutschland immer mehr Spielhallen auf VR. Auch die Porno-Industrie erhofft sich von VR eine Revolution – das dürfte kaum verwundern.

Überraschen mag dagegen viele, dass VR auch im Bildungssektor ein großes Thema ist. „Google beliefert Schulen mit Cardboards, so können sich Schüler überall hinbeamen“, erklärt Hempen. Ein Cardboard ist eine Art leere Brillenhülle, in die man sein Smartphone stecken kann und die dann als „Brille“ fungiert. „Im Bio-Unterricht können die Schüler so durch die Blutbahn fliegen“, gibt der 31-Jährige ein Beispiel.

Die Aufbereitung des Stoffes allerdings sei aufwendig und teuer, deshalb stocke die Verbreitung in diesem Bereich noch. Das könnte laut Hempen Fahrt aufnehmen, „wenn klar wird, dass sich Schüler so mehr für den Stoff begeistern können und die Inhalte besser hängen bleiben – und die Technologie billiger wird.“ Generell geht er davon aus, dass Probleme vor allem dort mit VR gelöst werden, „wo der Leidensdruck am höchsten ist – wenn die Lösung gut ist.“

Auch in der Medizin werde VR eingesetzt. So habe ein Arzt, bevor er in eine Operation gegangen ist, die Lage visualisiert und sich bessere Einblicke verschafft, erzählt Hempen: „So hat er laut eigener Aussage bessere Chancen gehabt, die komplizierte OP erfolgreich durchzuführen.“ Und ein Forscher habe ihm erzählt, dass man mit virtueller Realität versuche, pädophile Straftäter zu therapieren. „Man kann sie ja nicht einfach in den Supermarkt schicken, da bringt man Kinder in Gefahr“, sagt Hempen. Es gebe dafür eine Applikation, die genau das simuliert.

Der Osnabrücker selbst beschäftigt sich mit virtueller Realität in sozialen Netzwerken. „VR ist zwar cool, aber auf Dauer alleine langweilig“, prophezeit Hempen. Sein Thema ist derzeit das Facetracking (zu deutsch etwa: Gesichtsverfolgung). Dort versucht er, herauszufinden, „wie sich das Gesicht in der virtuellen Welt bewegt, um Emotionen authentisch darzustellen“ – und das dann mithilfe von einigen Entwicklern und Programmierern zu realisieren.

Fantasie-Szenarien, die bereits per VR-Brille erfahrbar sind, sind dabei schon erschreckend realistisch, betonen beide. „Ich habe vor eineinhalb Jahren zum ersten Mal eine Brille aufgesetzt, und habe sofort eine Gänsehaut bekommen“, erzählt Hempen. Er berichtet von einer Videosequenz „für Anfänger“, in der man in einem Wald steht und einen Dino schlafen sieht. Doch der wacht plötzlich auf und kommt auf einen zu. „Meine Mutter hat sich die Brille vom Kopf gerissen, weil sie sich so erschrocken hat“, erzählt Hempen: „Da wurde mir das Potenzial von VR und seine Wirkung selbst auf völlig Technologie-ferne Personen klar. Und da bin ich zum ,Believer‘ geworden.“

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